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Netzwerke, nicht Echoräume bestimmen die Twitter-Debatte zur Energiestrategie
Netzwerke, nicht Echoräume bestimmen die Twitter-Debatte zur Energiestrategie

Zum dritten Mal veröffentlichen wir eine Netzwerkanalyse der Twitter-Debatte zu einer Volksabstimmung. Erstmals geht es zentral um Netzwerke der Parteien und die Position der Medien in diesen Netzwerken.

In der dritt- und zweitletzten Woche vor der Volksabstimmung beteiligten sich gut 2200 Twitterer mit Bezug zur Schweiz an der Debatte zum neuen Energiegesetz. Das Schwergewicht der Social Media-Diskussion liegt dabei eindeutig in der deutschsprachigen Schweiz. In den Sprachminderheiten interessiert das Thema deutlich weniger als bei anderen Volksabstimmungen.

Erstmals haben wir ausführlich die Netzwerke der politischen Parteien untersucht. Geleistet wurde dies zunächst nicht aufgrund der Tweet-Inhalte. Vielmehr dienten die Follower-Zahlen der Strukturierung. Accounts, die in der nachstehenden Grafik in der Mitte erscheinen, haben Anhänger in alle Richtungen. Adressen am Rand haben dagegen in der ausgeschiedenen Gruppe fast keine Follower. Mit den Adressen dazwischen lassen sich die Felder der Parteien oder genauer der Parteilager bestimmen.


Die Pole in der Twitter-Öffentlichkeit entstehen, wie auch in unseren Umfragen bei der Bürgerschaft, anhand der SVP einerseits, der Grünen und der SP anderseits. Klar erscheint das Netzwerk der SVP. Bei SP und GPS ist die Trennung schwieriger, da die Twitterer dieser Parteien untereinander stark vernetzt sind. Wir sprechen hier von einem Parteienlager.

Ähnliches gilt auch für die Netzwerke von CVP und FDP, denn auch hier gibt es starke Überlappungen, bei der CVP in fast alle Richtungen. Bei der FDP vor allem zwischen CVP und SVP. Bei der FDP, die in der Sache gespalten ist, sind die Befürworter die etwas stärkeren Influencer, Twitter-Leader unter den Gegnern ist Nationalrat Wasserfallen.

Zudem erscheint auf Twitter ein Raum von Aktiven, in dem die Partei-Aktiven kaum eine Rolle spielen. Wir nennen sie die parteipolitisch ungebunden Twitternden. Sie zeigen beschränkte Affinität nach links, rechts und in die Mitte.

Um die Übersicht zu verbessern kann man auch nur die Follower der Influencer berücksichtigen. Nachstehende Graphik zeigt dies:
Influencer

Influencer

Die Grösse der Kreise zeigt, welche die wichtigsten Accounts sind. Bestimmt wurde dies nach Follower-Zahlen, nicht insgesamt, aber innerhalb der 2216 ausgewählten Accounts.

SVP:
Influencer: Rickli, Reimann, Zanetti, Mörgeli, SVPCh
Medien: Weltwoche, Feusi, Baur, Schär, Blick

SP:
Influencer: Wermuth, SPSchweiz, Levrat, Bruderer, Leutenegger
Medien: Tagesanzeiger, Watson

FDP:
Influencer: Markwalder, Wasserfallen, FDP.Liberale, Noser, Silberschmid
Medien: 20 min, NZZ

 

CVP:
Influencer: Riklin, CVP/PDC, Schmid-Federer, Pfister, MüllerAltermatt
Medien: TA-Politik

GPS:
Influencer: Glättli, Girod, GrüneCh, Rytz, Trede
Medien: WoZ, Infosperber

Parteiungebundene:
Influencer: OperationLibero, DieKehrseite
Medien: watson-news, Tageswoche, Journalisten: Giacobbo, Honegger, Brotz


Effektiv gibt es weitere, eher kleinere parteiliche Netzwerke. Bei der GLP ist Beat Flach resp. Gruenliberale.CH an der Spitze, bei der BDP sind Martin Landolt und BDPCh im Zentrum. Ein Spezialfall ist die Unabhängigkeitspartei up!, bei der Urs Bolt zentral ist. Allerdings ist er ein fast fester Bestandteil des FDP-Netzwerkes.

Die zweite Eigenheit unserer Netzwerk-Darstellung betrifft die Medien. Auch hier haben wir die Tweets nicht inhaltsanalytisch untersucht, sondern aufgrund der Follower. Medien, deren Anhänger in Sachen Energiestrategie aus einem Parteienlager kommen, erscheinen nahe diesem. Das sind namentlich Feusi (BaZ), Baur (Weltwoche) und Schär (Weltwoche) nahe der SVP, Giacobbo (SRF), Honegger (SRG) und Brotz (SRG) mit einer Nähe zu Ungebundenen. Medien nahe der Mitte finden überparteilich Follower. In erster Linie sind dies SRFnews, NZZaS, SRF, AZMedien und TA-Politik. Sie könnten in fast jedem Parteiennetzwerk erwähnt werden.

Eine stichprobenartige Untersuchung der Bekenntnisse, die via Social Media geäussert werden, zeigt, dass sich die Aktiven von SP, GPS und CVP überwiegend für das neue Energiegesetz aussprechen. Das Gegenteil ist bei den SVP-Twitterern der Fall. Gespalten sind die FDP-Aktiven. Dabei gibt es nicht eine eindeutige Trennlinie. Es gibt einzelne FDP-Exponenten, die hier nahe der Mitte, aber dagegen sind, und andere, die recht nahe bei der SVP erscheinen, aber dafür sind. Hauptgrund ist, dass sich die Netzwerke längerfristig gebildet haben und nicht anhand der Energiefrage. Die Ungebundenen ihrerseits sprechen sich nicht alle, aber in der Mehrzahl für die Energiestrategie 2050 aus.

Auf einen zentralen Befund dieser Netzwerkanalyse sei am Schluss ganz besonders verwiesen. Die Räume, die hier zwischen Parteien und Parteilagern entstehen, sind alles andere als abgeschlossen. Das ist zwar bei Twitterern, die am Rande des Gesamtnetzwerkes positioniert sind, gut denkbar. Je zentraler sie sind, desto unwahrscheinlicher ist es aber. Zudem gibt es gerade bei CVP und FDP-Twitterern Aktive, die zahlreiche Follower ausserhalb des Parteinetzwerkes haben. Typisch hierfür sind Luca Strebel oder Gerhard Pfister, die in SVP- und FDP-Netzwerken reputiert sind, aber auch der FDP-Twitterer Rüegg, der im gemässigt rotgrünen resp. GLP-Umfeld viele Follower hat.

Dieser Befund widerspricht der häufig vertretenen Ansicht eindeutig, in soziale Netzen gäbe es nur abgeschlossene Echoräume. Die Schweizer Debatte über die Energiestrategie 2050 zeigt demgegenüber, dass es individuell sehr wohl zahlreiche Ausnahmen gibt und dass die Grenzen teilweise mächtig porös sind.

Für den Diskurs auf Twitter ein sehr erfreuliches Ergebnis.

Lesebeispiel für die vier folgenden Graphiken:

Es geht jeweils um die graueingefärbten Adressen. Eingezeichnet sind alle Verbindungen zu diesen auch in anderen Parteinetzwerken. Das belegt, dass die Parteinetzwerke nicht abgeschlossene Echo-Kammern sind, sondern gut vernetz unter einander sind.

SVP:


FDP/CVP:


SP/GPS:

Parteiungebundene:



Methodischer Hinweis:
Die vorliegende Netzwerkanalyse wurde von gfs.bern konzipiert und gemeinsam mit Luca Hammer entwickelt.
Sie basiert auf einer Erhebung aller Tweets zu Hashtags und Stichworten, die im Zusammenhang mit der Abstimmung über die Energiestrategie 2050 stehen. Alle Tweets, die eindeutig keinen schweizerischen Ursprung hatten, wurden ausgeschieden.
So identifizierten wir die Grundgesamtheit der themenaktiven Accounts, 2216 an der Zahl.
Ausgehend von den bekannten Partei-Twitterern bestimmten wir die Netzwerke der verschiedenen Parteien und die Nähe der Medienaccounts hierzu. Schliesslich haben wir das statistische Material grafisch aufgearbeitet.

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