Anmelden
DE  Ι  FR  Ι  EN
Publikationen
Keine Angst vor Emotionen: in der direkten Demokratie überwiegen Argumente
Bewegt sich die direkte Demokratie der Schweiz parallel zum Medienwandel und angesichts der Erfolge populistischer Parteien in Richtung postfaktisches Zeitalter? Entscheiden immer mehr Emotionen statt Fakten? Emotionen können in der Tat bei Abstimmungen mobilisieren und damit entscheidend sein. Eine erste Auswertung auf Basis von VOX-Daten zeigt aber auf: Ein hoher Grad an Emotionalität mit hoher Beteiligung führt nicht einfach zu weniger inhaltlich basiertem Stimmverhalten.
Keine Angst vor Emotionen: in der direkten Demokratie überwiegen Argumente

Emotionen lenken unsere Aufmerksamkeit und zeigen uns Handlungsrelevanz auf. Der grösste Anteil der Stimmberechtigten sind heute selektiv Teilnehmende, dagegen wir die Teilnahme immer weniger einfach so als Bürgerpflicht wahrgenommen. Der Impuls für die Teilnahme sind also vorlagenspezifische Informationen, die uns die Relevanz aufzeigen. Im individualisierten Medienzeitalter sind solche Mobilisierungsfaktoren weniger über Primärerfahrungen oder persönliche Kontakte zu erwarten, sondern sind medial vermittelt. Naheliegend ist, dass medial ausgelöste Emotionen ein Treiber der steigenden mittleren Teilnahme seit den Neunzigerjahren sind. Viele der Abstimmungen in der Schweiz mit hoher Beteiligung waren emotional geführte Abstimmungskämpfe oder betreffen Vorlagen mit hoher Emotionalität wie in der Aussenpolitik oder der Migrationspolitik. Mit Social Media nehmen tendenziell Emotionen in Debatten zu und der Aufstieg des Populismus wird regelmässig mit Social Media und der Digitalisierung in Verbindung gebracht (vgl. Diskussion um den digitalen Populismus).

 

Lösen Emotionen neben dem Impuls zur Teilnahme auch inhaltlich kaum begründete Stimmverhalten aus? Eine eigene Auswertung von VOX-Daten anhand einer indexierten Auswertung von Argumenten bei ausgewählten Vorlagen mit besonders hoher Teilnahme und besonders tiefer Teilnahme gibt keinen Hinweis auf rein emotionales Stimmen (vgl. Bild). In den Fällen mit rekordtiefer oder rekordhoher Teilnahme stimmten immer über 80 Prozent kongruent zu ihrer indexierten Argumentenbewertung. Mit der höchste Wert ist bei der Volksinitiative gegen die Masseneinwanderung zu finden. Eine besonders emotional geführte Kampagne mit hoher populistischer Aufladung. Trotzdem haben sich 87 Prozent der Teilnehmenden kongruent zu ihrer Beurteilung der wichtigsten Argumente entschieden. Nur bei einem Beispiel war der Anteil, der nicht kongruent zur Argumentenbewertung stimmte, deutlich unter 80 Prozent. Es war eine besonders technische und damit nicht prädisponierte Vorlage: Die Spezialfinanzierung des Luftverkehrs 2009. Der komplexe, wenig alltagsnahe und nicht gross umstrittene Inhalt einer Vorlage ist demnach viel eher als Emotionen ein Risiko, dass Stimmende nicht kongruent zu ihrer inhaltlichen Position stimmen. Die Leitvorlage an diesem 29. November 2009 war nicht die Spezialfinanzierung des Luftverkehrs, sondern die angenommene Volksinitiative gegen den Bau von Minaretten. Auch hier beträgt der Anteil kongruent Stimmender aussergewöhnlich hohe 87 Prozent. Emotionale und mobilisierende Vorlagen erhöhen also möglicherweise das Risiko, dass die anderen Vorlagen, die am gleichen Tag zur Abstimmung stehen, etwas untergehen.

 

Fazit

Selbst, wenn mit digitalen Kampagnen und persönlichen Appellen Emotionen weiter zunehmen, werden Stimmberechtigte dadurch viel eher mobilisiert als zu einem Stimmverhalten verführt, welches nicht ihren inhaltlichen Präferenzen entspricht. Vorsicht ist geboten, wenn mobilisierende Vorlagen mit intensiven Kampagnen mit technischen Vorlagen am gleichen Tag kombiniert werden. Hier besteht möglicherweise ein erhöhtes Risiko von inhaltlich nicht fundiertem Stimmen. Der Weg der Schweiz, der massgeblich von der direkten Demokratie mitbestimmt wird, ist bisher wenig von Elementen des postfaktischen Zeitalters beeinflusst worden.

 

Methodische Anmerkung 

Definition kongruent Stimmend:

Pro Vorlage wird in der VOX die Einverständnis zu den wichtigsten inhaltlichen Argumenten der Ja- und der Neinseite befragt.

Für jedes Ja-Argument werden für den Index folgende Punkte vergeben: voll einverstanden +2, eher einverstanden +1, eher nicht einverstanden -1 oder überhaupt nicht einverstanden -2, weiss nicht oder Antwortverweigerung 0.

Für jedes Nein-Argument werden für den Index folgende Punkte vergeben: voll einverstanden -2, eher einverstanden -1, eher nicht einverstanden +1 oder überhaupt nicht einverstanden +2, weiss nicht oder Antwortverweigerung 0.

Kongruent Stimmende sind Ja-Stimmende mit einem positiven Index bei den Argumenten oder Nein-Stimmende mit einem negativen Index bei den Argumenten. Argumentativ neutral sind Personen mit einem Indexwert von 0, nicht kongruent Stimmende sind Ja-Stimmende mit einem negativen Indexwert und Nein-Stimmende mit einem positiven Indexwert.

 

Hauptautor
Facebook
Twitter
Mail

Please login or register to post comments.