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Facebook gehört uns! So auch die Gesellschaft!
Autor: Lukas Golder - Kategorie(n): [Kommunikation]
 
Das Jugendbarometer, welches gfs.bern im Auftrag der Credit Suisse durchführt, hatte einen prominenten Platz am diesjährigen Symposium der Ernst Schmidheiny Stiftung. Katja Gentinetta brachte in Ihren Ausführungen aus Sicht der politischen Philosophie einige Folien daraus.
 
Katja Gentinetta startete ihr Referat auf dem Tahrir-Platz und spannte einen grossen und schön gezeichneten Bogen bis zur Occupy-Paradeplatz-Bewegung. Mit Ihrem aus der Theorie geprägten Begriff der (relevanten) Öffentlichkeit im Sinne der Sphäre es Politischen nahm sie eine kritische Position gegenüber Facebook ein. So richtig politisch bewegend scheinen ihr  Social Media in der Schweiz nicht zu sein. Ja, so kam bei mir Ihre Botschaft an: Facebook ist ein privates Medium zur Pflege der Netzwerke, aber es schafft (noch) keine Öffentlichkeit. Dies – da sind unsere Interpretationen des CS-Jugendbarometers identisch – ist im  Moment nicht erkennbar. Sie war dabei keinesfalls so kritisch wie Kurt Imhof, der sich auf sozialromantische Art zu folgender Äusserung verstieg: "Die Schweizer Jugend ist berechenbar und langweilig". Das ist natürlich übertrieben, wie auch das Symposium zeigte.
  
Meine Position und diejenige von Katja Gentinetta unterscheiden sich nur geringfügig: Ich glaube, dass die lange Kette von Protestbewegungen kürzer geworden ist. Ich erkenne angesichts der hohen Anomie der Wirtschaft deutliche Zeichen einer Zeitenwende mit neuen politischen Werten, die sich entwickeln könnten. Wirklich politisch aber - und da sind wir uns einig - werden Social Media dann, wenn ihre Anliegen von den klassischen Medien aufgenommen und in eine tatsächliche Öffentlichkeit werden.
 
Nicht zuletzt ist es heute deutlich einfacher und billiger, einen Massenprotest zu formieren und ihn politisch relevant zu machen. Wenig
Kosten heisst, es braucht dafür auch wenig Macht. Das bringt das politische Spiel, welches sich im Normalfall um Macht dreht, auch in Demokratien arg in Bedrängnis!
 
Wenn es zum ersten Mal gelingt, über Social Media einen echten politischen Massenprotest in westlichen Demokratien zu formieren, wird sicherlich in klassischen Medien etwas hergestellt: Öffentlichkeit! Denn es wäre neu und es wäre relevant. Gerade diese Aufmerksamkeit könnte selbst wieder als Katalysator wirken. Die Zyklen sind nicht nur in der Wirtschaft immer kürzer, sie dürften künftig als Ausdruck des Kommunikationszeitalters auch in der Gesellschaft deutlich kürzer werden. Heute Piratenpartei, morgen Zumba-Partei und übermorgen Bürgerlich-Postchristliche-Vormittagsbewegung.
 
Die Schweiz ist dafür offen wie ein Scheunentor, denn hier kann jedes politische Thema zur Volksinitiative erhoben werden, welche auf eine
Änderung der Verfassung zielt. Wir werden, so meine These, die erste Social-Media-Verfassungsinitiative bald erleben. Natürlich braucht es in solchen Zeiten auch eine kritische Gegenöffentlichkeit, die sich gegen Irrlichter wehrt und den politischen Diskurs stabilisiert. Auch diese Gegenöffentlichkeit wird sich nur an einem Ort formieren können: Auf Web 2.0.
 
Vom Menschsein 2.0 hat Abt Wehrlen gesprochen. Selbst ein begeisterter Twitterer hat er rhetorisch überzeugend Hürden gegenüber Social Media abgebaut und den Menschen (und etwas die katholische Kirche) in den Mittelpunkt gerückt. Menschen bleiben auch als Menschen 2.0 die gleichen Wesen. Ja, ich teile die Euphorie von Abt Martin, glaube aber nicht ganz an den gleichen Menschen. Der über Social Media stärker formierte Mensch wird neue Realitäten konstruieren. Web 2.0 ist hoch politisch. Noch aber, so haben uns die jungen TeilnehmerInnen aus dem Gymnasium Interlaken gelehrt, noch gehört das Facebook ihnen - so Fabian Hintermeister, der sich gekonnt und mit Krawatte in Szene setzte. Sie nutzen es, um sich gegenüber den Älteren abzugrenzen. Julia Zeilstra hat über 300 Freund auf FB, ihr Vater gehört aber nicht dazu. Und die Politik scheint ihre Sprache überhaupt nicht zu treffen. Die Kritik von Fabin Hintermeister an den Webauftritten auf Social Media und den offiziellen Wahlunterlagen war schlicht vernichtend.
 
Hoffentlich gehört Facebook bald einer dadurch gestärkten, aktiven und politischen Gesellschaft. Die sich dadurch auch verjüngt mit einer dann wieder politischeren und sozial stärker engagierten Jugend.


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