Selbstbild, Zusammenhalt und Zukunft: Die Schweiz blickt kritisch auf sich selbst und vertraut gleichzeitig auf ihre demokratischen Stärken
Die Schweizer:innen verbinden ihr Land in erster Linie mit Demokratie, Sicherheit und Stabilität. Gleichzeitig wächst die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Als grösste Herausforderungen gelten nicht äussere Einflüsse, sondern zunehmende Ungleichheit und politische Polarisierung. Die Ergebnisse der gfs.bern-Studie «So tickt die Schweiz» im Auftrag des Beobachters zeichnen das Bild einer selbstkritischen, pragmatischen und zugleich zuversichtlichen Gesellschaft.
Was die Schweiz im Kern ausmacht, beantworten die Befragten klar. Am häufigsten nennen sie die direkte Demokratie und die Möglichkeit zur politischen Mitbestimmung als wichtigsten Pfeiler des nationalen Zusammenhalts. Ebenfalls zentral sind wirtschaftliche Stabilität, Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit sowie Verlässlichkeit. Damit prägen vor allem gemeinsame Institutionen und gesellschaftliche Werte das Schweizer Selbstverständnis, deutlich stärker als kulturelle Abgrenzung oder nationale Symbole.
Auch im internationalen Vergleich sieht die Bevölkerung die grössten Stärken der Schweiz bei ihren Institutionen. Besonders positiv werden das politische System und die Demokratie, die Infrastruktur, Bildung und Forschung sowie das Gesundheitswesen beurteilt. Die Ergebnisse zeichnen das Bild eines Landes, dessen Stärken vor allem im Innern verortet werden: Dort, wo staatliche Institutionen funktionieren und den Alltag der Bevölkerung prägen.
Die Ergebnisse zeigen gleichzeitig, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt als verletzlich wahrgenommen wird. Als grösste Bedrohungen für die typisch schweizerische Identität nennen die Befragten wachsende Ungleichheit und politische Polarisierung. Beide Entwicklungen werden häufiger als grosse Gefahr eingeschätzt als Zuwanderung oder die europäische Integration.
Auffällig ist, dass sich die Wahrnehmung je nach Thema unterscheidet. Während beispielsweise die Bewertung der Zuwanderung stark von der politischen Orientierung geprägt ist, teilen Menschen verschiedener Altersgruppen die Sorge um die zunehmende Polarisierung. Die Studie deutet damit darauf hin, dass innere gesellschaftliche Spannungen heute stärker als identitätsprägend wahrgenommen werden als äussere Einflüsse.
Es zeigt sich eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Veränderungen. Nur eine kleine Minderheit möchte, dass die Schweiz unverändert bleibt. Die Mehrheit sieht zumindest einen teilweisen Anpassungsbedarf, damit das Land auch künftig erfolgreich bleibt.
Daneben beschreiben sich die Schweizer:innen häufig als naturnah, bodenständig, fleissig und demokratisch. Innovation oder Kosmopolitismus stehen deutlich weniger im Zentrum des eigenen Selbstbildes. Die Befunde verweisen damit auf ein Selbstbild, in dem bewährte Eigenschaften weiterhin wichtig bleiben, ohne dass Veränderungen grundsätzlich ausgeschlossen werden.
Im internationalen Vergleich beurteilt die Bevölkerung ihr Land differenziert. Während das politische System und die Demokratie, die Infrastruktur und der öffentliche Verkehr sowie Bildung und Forschung als besondere Stärken gelten, sehen die Befragten vor allem bei der Rolle der Schweiz als politischer Akteur auf der Weltbühne Verbesserungspotenzial. Ebenfalls vergleichsweise kritisch beurteilt werden die kulturelle Ausstrahlung und Kreativität sowie die Gleichstellung der Geschlechter. Auch beim Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit, beim Umgang mit und der Integration von Minderheiten, bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sowie beim sozialen Aufstieg und der Chancengerechtigkeit werden Schwächen wahrgenommen. Die Befunde verweisen auf eine Gesellschaft, die ihr Land selbstkritisch beurteilt.
Gleichzeitig bleibt die persönliche Lebenszufriedenheit hoch. Während die eigene Lebenssituation überwiegend positiv bewertet wird, fallen die Einschätzungen zu verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Themen deutlich kritischer aus.
Auch die Zukunftsbilder der Befragten spiegeln diese Ambivalenz wider. Die Schweiz wird für das Jahr 2036 gleichzeitig mit Eigenschaften wie erfolgreich und selbstsicher, aber auch als alternd oder rückständig beschrieben. Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Erwartungen verweist auf ein Selbstverständnis, das weniger idealisiert als vielmehr pragmatisch und realistisch ist.
Über alle Auswertungen hinweg zeigt sich damit ein konsistentes Bild: Die Schweizer Bevölkerung vertraut weiterhin auf die Stärken ihrer demokratischen Institutionen und bewertet die eigene Lebenssituation überwiegend positiv. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt, die Fähigkeit zur Anpassung und der Umgang mit inneren Spannungen entscheidend dafür sein werden, wie sich die Schweiz künftig entwickelt.
Die Ergebnisse stammen aus der Studie «So tickt die Schweiz», die gfs.bern im Auftrag des Beobachters durchgeführt hat. Zwischen dem 4. und 11. Mai 2026 wurden 1’024 Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ab 16 Jahren online über das hauseigene Panel «Polittrends» befragt. Die Stichprobe wurde nach Alter und Geschlecht innerhalb der Sprachregionen sowie nach Sprache, Kanton, Siedlungsart, Bildung und Parteipräferenz gewichtet. Der statistische Stichprobenfehler beträgt ±3,1 Prozentpunkte bei einem Vertrauensniveau von 95 Prozent.
Weitere Informationen finde Sie beim Beobachter.