Katastrophen sensibilisieren: Unsicherheit in Notfallsituationen wächst und das Vertrauen bröckelt
Die Schweizer Bevölkerung vertraut dem Notfallsystem weiterhin in hohem Mass. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse des TCS-Notfallbarometers 2026 eine zunehmende Sensibilität gegenüber dessen Grenzen: Das Vertrauen in Institutionen nimmt leicht ab, die eigene Handlungssicherheit wird kritischer eingeschätzt und der Wunsch nach regelmässigen Weiterbildungen ist gross.
Das Vertrauen in die Schweizer Notfallversorgung bleibt bemerkenswert stabil. Rettungskräfte geniessen mit 98 Prozent weiterhin das höchste Vertrauen, medizinisches Fachpersonal erreicht 96 Prozent Zustimmung. Auch Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren selbst einen medizinischen Notfall erlebt haben, fühlen sich mehrheitlich gut aufgehoben, indem 93 Prozent ihre Erfahrungen positiv bewerten.
Parallel dazu lassen sich Anzeichen einer kritischeren Betrachtung des Systems erkennen. So sinkt im Vergleich zum Vorjahr das Vertrauen in verschiedene notfallrelevante Organisationen leicht. Die Studie deutet darauf hin, dass weniger einzelne Institutionen betroffen sind, sondern vielmehr eine verstärkte Sensibilisierung für mögliche Grenzen der Notfallversorgung zu beobachten ist.
Die Qualität der Notfallversorgung wird je nach Einsatzort unterschiedlich eingeschätzt. Besonders positiv wird die Versorgung in Städten bewertet. Auch touristische Regionen erhalten hohe Zustimmungswerte.
Deutlich kritischer fällt die Beurteilung in schwer zugänglichen Gebieten aus. In den Bergen sinkt die wahrgenommene Qualität der Notfallversorgung gegenüber dem Vorjahr um 12 Prozentpunkte auf 62 Prozent. In abgelegenen Regionen erreicht sie mit 46 Prozent den tiefsten Wert aller abgefragten Räume. Die Ergebnisse stehen im Kontext mehrerer stark beachteter Ereignisse zu Beginn des Jahres 2026, darunter insbesondere die Brandkatastrophe in Crans-Montana, welche die öffentliche Sensibilität für Fragen der Notfallversorgung erhöht haben dürfte.
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel bei der Einschätzung der eigenen Notfallkompetenzen. Die Bevölkerung traut sich zahlreiche Notfallmassnahmen seltener zu als noch im Vorjahr. Dies betrifft sowohl anspruchsvollere Massnahmen wie die Herz-Lungen-Wiederbelebung als auch grundlegende Handlungen wie das Absetzen eines Notrufs oder das Einweisen von Rettungskräften. Die Entwicklung spricht dabei weniger für einen tatsächlichen Kompetenzverlust als für eine gestiegene Sensibilität im Umgang mit Notfallsituationen und eine entsprechend kritischere Selbsteinschätzung.
Bei den TCS-Mitgliedern zeigt sich währenddessen ein anderes Bild. Die Einschätzung der eigenen Notfallkompetenzen sowie jener der Bevölkerung bleibt gegenüber dem Vorjahr weitgehend stabil. Damit fällt die Entwicklung deutlich weniger kritisch aus als in der Wohnbevölkerung.
Die zunehmende Vorsicht bei der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten geht mit einem ausgeprägten Wunsch nach Weiterbildung einher. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung befürworten regelmässige Auffrischungen von Erste-Hilfe- und Notfallkenntnissen. Besonders häufig wird ein Rhythmus von etwa fünf Jahren bevorzugt.
Bemerkenswert ist, dass Weiterbildung nicht nur als Ausgleich für fehlende Kenntnisse verstanden wird. Personen mit höher eingeschätzten Kompetenzen zeigen sogar eine besonders grosse Bereitschaft, ihr Wissen regelmässig aufzufrischen. Weiterbildung wird damit als Möglichkeit wahrgenommen, Handlungssicherheit langfristig zu erhalten und auszubauen.
Für das TCS-Notfallbarometer 2026 befragte das Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag des TCS Schweiz zwischen dem 14. Februar und dem 19. März 2026 insgesamt 1’004 Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ab 18 Jahren. Die Erhebung erfolgte als Mixed-Mode-Befragung mittels Telefoninterviews und Onlinepanel. Zusätzlich wurden zwischen dem 17. Februar und dem 31. März 2026 insgesamt 810 TCS-Mitglieder online befragt. Der statistische Stichprobenfehler beträgt bei der Bevölkerungsbefragung ±3,1 Prozentpunkte bei einem Sicherheitsniveau von 95 Prozent.
Die detaillierten Ergebnisse sind im interaktiven Cockpit auf deutsch, französisch und italienisch einsehbar.