Jeder fünfte Arztbesuch von Kindern dreht sich um die Schule

03.09.2026 | Dr. Tobias Keller, GFS Bern

Schulbezogene Belastungen gehören in der Kinderarztpraxis zum Alltag: 44 Prozent der Kinderärztinnen und Kinderärzte begegnen ihnen mindestens einmal täglich bereits bei der Anmeldung, wie eine neue Studie von gfs.bern im Auftrag der Stiftung Mercator Schweiz zeigt. Und es werden immer mehr «Schulprobleme» in der Kinderarztpraxis besprochen: 89 Prozent jener, die solche Fälle behandeln, beobachten über ihre Berufsjahre hinweg eine Zunahme. Als eine der wichtigsten Ursachen dafür sehen sie neben sozialen Problemen, dass viele Kinder vom Lernstoff entweder unter- oder überfordert sind.

Erfahrungen im Zusammenhang mit der Schule sind immer häufiger der Grund für Konsultationen beim Kinderarzt oder der Kinderärztin, wie die Studie feststellt. Sie basiert auf einer Befragung von 469 Kinderärztinnen und Kinderärzten in der Schweiz.  Dabei zeigt sich, dass die Medizinerinnen und Mediziner offenbar das Thema als dringlich einstufen: 95 Prozent geben an, dass zumindest ein Teil der Probleme der Kinder mit schulischen Massnahmen besser vermieden werden könnte als durch eine medizinische Massnahme.

Die Symptome, die Kinder aufgrund von Belastungen in der Schule zeigen, verändern sich dabei je nach Alter. Im Kindergarten und in den ersten Klassen sind es Bauchweh, auffälliges Sozialverhalten und Schwierigkeiten mit der Konzentration. Auf der Sekundarstufe wird es breiter und schwerer: Schulabsentismus, depressive Verstimmung, Essstörungen. Rund jede zweite befragte Person aus der Kinderärzteschaft gibt an, auf dieser Stufe suizidale Gedanken zu beobachten.

 

Mobbing, unpassende Anforderungen und Beziehungsprobleme

Auf eine einzelne Ursache lässt sich das Phänomen Schulprobleme in der Kinderarztpraxis nicht zurückführen. Als typische Auslöser nennt die Studie Mobbing, eine Unter- oder Überforderung durch den Lernstoff und ein gespanntes Verhältnis zur Lehrperson.  Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass Kinder in ihrer Entwicklung im selben Alter äusserst unterschiedlich und unterschiedlich weit sind, wie die Forschung seit langem zeigt; die Anforderungen aber oft für die ganze Klasse beziehungweise den ganzen Jahrgang dieselben sind.

In der Praxis landen viele Familien, weil die Möglichkeit einer individuelleren Unterstützung für ein Kind oft an eine Abklärung oder Diagnose geknüpft ist.  Eltern erhoffen sich Zugang zu Therapien oder zu einem Nachteilsausgleich, Lehrpersonen brauchen Ressourcen wie eine Klassenassistenz für ihre Klasse. Beide Wege enden im Wartezimmer der Kinderärzteschaft. Eine grosse Mehrheit der Kinderärztinnen und Kinderärzte erlebt entsprechend, dass Kinder vorschnell pathologisiert werden. Was früher als normal galt, wird heute abgeklärt. Entlasten kann eine Diagnose durchaus, weil sie benennbar macht, was vorher unklar blieb. Sie bindet aber knappe Kapazitäten, die anderswo wirksamer eingesetzt würden. 95 Prozent der Kinderärztinnen und Kinderärzte sind denn auch überzeugt, dass sich ein Teil der Probleme mit schulischen statt mit medizinischen Massnahmen besser vermeiden liesse.

 

Mehr Beziehung und mehr individuelle Passung

gfs.bern hat die Einschätzungen der Kinderärztinnen und Kinderärzte in 17 qualitativen Interviews mit anderen Fachleuten aus dem Bereich Bildung vertieft und in allen Berufsgruppen, inklusive der Pädiatrie, nach möglichen Wegen zur Verbesserung der Situation gefragt. Dabei sind sich die Befragten über einige der wichtigsten Faktoren einig.

Essenziell ist die Beziehung zu den Lehrpersonen und anderen Kindern sowie ein passendes Anforderungsniveau des Lernstoffs. Die Kinderärzteschaft weist besonders darauf hin, dass Kinder in ihrem jeweiligen Entwicklungsstand sehr unterschiedlich sind – und das viele Symptome sich verbessern, wenn dafür ausreichend Sensibilität besteht. Die Vorstellung, was als normal gelte, müsse allenfalls wieder breiter werden.

Dies würde unter anderem auch bedingen, dass ausreichend Ressourcen nicht nur dann gesprochen werden, wenn Diagnosen vorliegen. Ebenfalls als wichtig erachten die Expertinnen und Experten der verschiedenen Berufsgruppen kleinere Klassen, Teamteaching, qualifiziertes Personal, Tagesstrukturen, sowie generell eine Entlastung beim Bewertungs- und Selektionsdruck.

 

Weiterführende Informationen

Der vollständige Schlussbericht kann hier heruntergeladen werden: Schulprobleme in der Pädiatrie (Schlussbericht als PDF)


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Tobias Keller

Dr. Tobias Keller

Senior Projektleiter, Mitglied der Geschäftsleitung


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