Versorgungssicherheit rückt ins Zentrum: Inländische Produktion und Kernenergie gewinnen an Bedeutung
Die Diskussion um die Schweizer Energiepolitik verschiebt sich. Zwar bleibt die Unterstützung für erneuerbare Energien breit abgestützt, gleichzeitig wächst aber die Sorge um die langfristige Versorgungssicherheit. Die Bevölkerung gewichtet stabile Stromversorgung und inländische Produktion zunehmend höher und zeigt sich offener gegenüber Kernenergie.
Die Versorgungssicherheit bleibt für die Schweizer Stimmberechtigten die wichtigste Priorität innerhalb der Energiepolitik. 45 Prozent gewichten sie höher als klimaneutrale Energieproduktion oder tiefe Strompreise. Gleichzeitig befürchten inzwischen 58 Prozent, dass der heutige energiepolitische Kurs in zehn Jahren zu Problemen bei der Stromversorgung führen könnte.
Auch die Beurteilung der Schweizer Energiepolitik fällt kritischer aus als noch im Vorjahr. Zwar zeigt sich weiterhin eine knappe Mehrheit mit dem aktuellen Kurs einverstanden, die Zustimmung sinkt jedoch auf 52 Prozent. Besonders deutlich wächst die Skepsis im Umfeld der FDP- und SVP-Anhängerschaft.
Trotzdem bleibt die grundsätzliche Unterstützung für die Energiewende stabil. 80 Prozent betrachten die Förderung erneuerbarer Energien weiterhin als gelebten Klimaschutz. Gleichzeitig wächst aber der Zweifel, dass erneuerbare Energien alleine den zukünftigen Strombedarf decken können. 64 Prozent teilen diese Einschätzung.
Besonders hohe Zustimmung erhalten weiterhin Massnahmen zur Stärkung der inländischen Stromproduktion. Energieeffizienz (89%), Wasserkraft (85%) sowie Solaranlagen auf Gebäuden und Fassaden (82%) bleiben klar mehrheitsfähig.
Auch die Bereitschaft wächst, Zielkonflikte stärker in Kauf zu nehmen. 68 Prozent befürworten Einschränkungen bei Beschwerden gegen Energieprojekte, damit diese schneller umgesetzt werden können. Ebenso unterstützt eine Mehrheit den Ausbau erneuerbarer Energien selbst dann, wenn dafür Eingriffe in Landschaftsschutz oder Bewilligungsverfahren nötig werden.
Bei konkreten Standorten geniessen grosse Solaranlagen auf bestehender Infrastruktur besonders hohe Akzeptanz. 94 Prozent unterstützen Anlagen auf beispielsweise Autobahnen oder Staumauern. Mehrheitlich akzeptiert werden zudem neue Stauseen in ehemaligen Gletschergebieten sowie Windräder in Wohnortnähe.
Besonders auffällig ist die gestiegene Offenheit gegenüber der Kernenergie. 79 Prozent sprechen sich dafür aus, bestehende AKW weiterzubetreiben, solange sie sicher sind. Gleichzeitig unterstützen erstmals klare Mehrheiten auch neue Kernkraftwerke der nächsten Generation (59%).
Auch der Bau heutiger AKW-Typen gewinnt an Zustimmung und erreicht 48 Prozent. Die Offenheit gegenüber Kernenergie wächst insbesondere in der Deutschschweiz deutlich.
Parallel dazu steigt die Zustimmung zur Aussage, dass Sonne und Wind die Stromversorgung nicht ausreichend sicherstellen können und es deshalb Kernkraftwerke brauche (55%). Die Kernenergie wird zunehmend als pragmatische Ergänzung zur Energiewende verstanden und weniger als grundsätzlicher Gegensatz zu erneuerbaren Energien.
Die veränderte Wahrnehmung der Versorgungssicherheit zeigt sich auch bei der sogenannten Blackout-Initiative. Würde heute abgestimmt, würden 55 Prozent der Stimmberechtigten zustimmen. Besonders stark verfängt dabei die Verbindung von Versorgungssicherheit, wirtschaftlicher Stabilität und technologischer Offenheit.
70 Prozent finden, dass alle klimaschonenden Technologien, inklusive Kernenergie, genutzt und diskutiert werden sollen. Gleichzeitig wird die Initiative je nach politischem Lager unterschiedlich interpretiert. Während sie im bürgerlichen Lager stark mit Versorgungssicherheit verbunden wird, fällt die Einordnung links der Mitte weniger eindeutig aus.
Der indirekte Gegenvorschlag zur Initiative polarisiert hingegen stärker entlang klassischer Links-Rechts-Muster. Die explizite Fokussierung auf die Aufhebung des AKW-Neubauverbots aktiviert die klassischen energiepolitischen Konfliktlinien stärker und führt zu klareren Frontstellungen.
Trotz einer gewissen Abkühlung gegenüber dem Vorjahr unterstützen weiterhin 66 Prozent der Stimmberechtigten ein Stromabkommen mit der EU. Das wichtigste Argument bleibt dabei die Versorgungssicherheit. 71 Prozent sind der Ansicht, dass das Abkommen notwendige Stromimporte im Winter absichert.
Viele konkrete Auswirkungen des Abkommens werden jedoch ambivalent beurteilt. Besonders bei Fragen zu Strompreisen, nationaler Souveränität oder den Auswirkungen auf erneuerbare Energien zeigt sich eine hohe Unsicherheit in der Meinungsbildung.
Die Unterschiede verlaufen weniger entlang klassischer energiepolitischer Konflikte als vielmehr entlang der Frage, wie stark die Schweiz ihre Versorgungssicherheit künftig über europäische Kooperation absichern soll.
Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Befragung von 1’015 Stimmberechtigten in der Schweiz. Die Erhebung wurde zwischen dem 23. März und dem 15. April 2026 durchgeführt. Zum Einsatz kam ein Mixed-Mode-Ansatz mit telefonischen Interviews (CATI) sowie Onlinebefragungen über das gfs.bern-Panel «Polittrends». Die Stichprobe wurde nach Alter, Geschlecht, Sprache, Bildung, Siedlungsart und Parteiaffinität gewichtet. Der statistische Stichprobenfehler beträgt bei einem Sicherheitsgrad von 95 Prozent ±3.1 Prozentpunkte.
Weiterführende Informationen zur Studie:
- Web-Cockpit auf Deutsch
- Web-Cockpit auf Französisch
- Bericht auf Deutsch
- Bericht auf Französisch