Integrative Schule zwischen Anspruch und Realität - Inklusion im Schulalltag aus Sicht der LCH-Mitglieder
Die integrative Schule wird von vielen Lehr- und Fachpersonen grundsätzlich mitgetragen. Gleichzeitig zeigt die Befragung eine deutliche Lücke zwischen pädagogischem Anspruch und den Bedingungen im Schulalltag: Fehlende Ressourcen und eine hohe Arbeitsbelastung prägen die Einschätzungen.
Der Schulalltag der befragten LCH-Mitglieder ist von unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Unterstützungsbedürfnissen geprägt. Im Durchschnitt unterrichten die Befragten 36 Schülerinnen und Schüler und sind in 3,1 Klassen tätig. Im Mittel arbeiten sie mit 12 Schülerinnen und Schülern mit attestierter Diagnose. Besonders häufig sind Lern- und Leistungsstörungen sowie ADHS oder ADS. Hinzu kommen durchschnittlich 3,6 Schülerinnen und Schüler mit weiterem Unterstützungsbedarf ohne formelle Diagnose.
Die Zusammensetzung der Klassen verdeutlicht die pädagogische Herausforderung. Gemessen an den Medianwerten umfasst eine durchschnittliche Klasse 18 Schülerinnen und Schüler. Davon haben fünf eine formelle Diagnose, zwei weitere benötigen aus Sicht der Lehrpersonen zusätzliche Unterstützung ohne attestierte Diagnose.
Wie stark Unterstützung im Unterricht verfügbar ist, hängt wesentlich vom Fach ab. Besonders ausgeprägt ist sie in Deutsch und Mathematik. Dort übernehmen vor allem schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen eine wichtige Rolle. In musischen Fächern, Zweitsprachen und weiteren Unterrichtsbereichen ist zusätzliche Unterstützung deutlich weniger selbstverständlich.
Insgesamt beurteilen 57 Prozent der Befragten die verfügbare Unterstützung als eher oder überhaupt nicht ausreichend. Kritischer fällt die Einschätzung insbesondere dort aus, wo viele Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf unterrichtet werden.
Die Wahrnehmung der verfügbaren Unterstützung hängt eng mit der Haltung gegenüber der integrativen Schule zusammen. Wer sich im Schulalltag ausreichend unterstützt fühlt, beurteilt die integrative Schule deutlich positiver.
Die Haltung der LCH-Mitglieder ist nahezu gespalten. 51 Prozent stehen der integrativen Schule sehr oder eher positiv gegenüber, 48 Prozent beurteilen sie eher oder sehr kritisch.
Dabei zeigen sich Unterschiede nach Funktion. Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, IF-Lehrpersonen, Schulleitungen und therapeutisches Fachpersonal äussern sich positiver. Lehrpersonen beurteilen die heutige Situation kritischer, besonders auf der Sekundarstufe I.
Die Ergebnisse sprechen damit weniger für eine grundsätzliche Ablehnung der integrativen Schule als für eine bedingte Zustimmung. Entscheidend ist, ob die notwendigen Voraussetzungen im Schulalltag tatsächlich gegeben sind.
Die Voraussetzungen für die integrative Schule unterscheiden sich zwischen den Kantonen. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Knappheit bei den zentralen Ressourcen: In sämtlichen Kantonen werden personelle, finanzielle und zeitliche Mittel insgesamt als eher unzureichend wahrgenommen.
Grössere Unterschiede zeigen sich bei der breiteren Unterstützung im Schulalltag. Dazu gehören etwa die Zusammenarbeit im Team, die Unterstützung durch die Schulleitung, zeitnahe Diagnosen, geeignete Weiterbildungen oder die Zusammenarbeit mit externen Stellen. In einigen Kantonen können solche Strukturen die knappen Ressourcen zumindest teilweise auffangen. In anderen treffen Ressourcenmangel und schwächere Unterstützungsstrukturen zusammen.
Dabei zeigt sich auch ein Zusammenhang mit dem Erleben der integrativen Schule: Wo Ressourcen weniger knapp und unterstützende Strukturen stärker vorhanden sind, wird der Auftrag tendenziell positiver wahrgenommen. Wo beides schwächer ausgeprägt ist, überwiegt häufiger die Belastung. Die kantonalen Ergebnisse sind dabei nicht als Rangliste zu verstehen. Insbesondere Werte aus Kantonen mit kleineren Fallzahlen müssen vorsichtig interpretiert werden.
Die Auswertung unterstreicht damit, dass für die Akzeptanz der integrativen Schule nicht allein die pädagogische Grundidee entscheidend ist. Zentral ist, unter welchen kantonalen Rahmenbedingungen sie im Schulalltag umgesetzt wird.
Für eine funktionierende integrative Schule erachten die Befragten insbesondere genügend personelle, zeitliche und finanzielle Ressourcen als zentral. Ebenfalls wichtig sind eine funktionierende Zusammenarbeit im Team, die Unterstützung durch Schulleitung und Schulorganisation, eine positive Haltung der Beteiligten sowie die Kommunikation mit den Eltern.
Gerade bei den Ressourcen zeigt sich jedoch die grösste Differenz zwischen Wichtigkeit und tatsächlicher Umsetzung. Während sie nahezu durchgehend als zentral beurteilt werden, erleben viele Befragte die personellen, zeitlichen und finanziellen Mittel im Alltag als unzureichend. Vergleichsweise besser funktionieren die Zusammenarbeit im Team, die Elternkommunikation und die Unterstützung durch die Schulleitung.
Damit verorten die Befragten die Schwierigkeiten weniger bei der pädagogischen Idee der Integration als bei den strukturellen Bedingungen ihrer Umsetzung.
Bei der Beurteilung der Ziele der integrativen Schule zeigt sich ein differenziertes Bild. Organisatorische Ziele werden vergleichsweise positiv bewertet. 84 Prozent sehen das Ziel, Kinder mit besonderem Förderbedarf in die Regelklasse zu integrieren, als vollständig oder eher erfüllt. Auch die Koordination von Unterstützungsangeboten wird mehrheitlich positiv beurteilt.
Kritischer fallen die Einschätzungen bei pädagogischen und sozialen Zielen aus. Dies betrifft insbesondere Chancengleichheit, Bildungsqualität sowie gleiche schulische und soziale Chancen für Kinder mit besonderem Förderbedarf.
Auch beim Lernerfolg unterscheiden die Befragten zwischen den direkt unterstützten Schülerinnen und Schülern und der gesamten Klasse. Für Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf überwiegen positive Einschätzungen. Mit Blick auf die Klasse insgesamt sieht dagegen nur rund ein Viertel positive Auswirkungen, während 37 Prozent negative Effekte wahrnehmen.
Im persönlichen Erleben überwiegt die Belastung. 41 Prozent erleben die integrative Schule eher als starke Belastung, während 24 Prozent sie eher als erfüllenden Auftrag wahrnehmen. Besonders belastet zeigen sich Lehrpersonen mit direkter Klassenverantwortung, hohen Pensen, vielen Schülerinnen und Schülern mit Unterstützungsbedarf sowie Lehrpersonen auf der Sekundarstufe I.
Mehr als 80 Prozent geben zudem an, dass die Entwicklung hin zur integrativen Schule ihre Arbeitsbelastung erhöht hat. Gleichzeitig werden auch pädagogische Chancen wahrgenommen, beispielsweise bei der Förderung sozialer Kompetenzen in heterogenen Klassen.
Weitere Informationen zur Studie finden Sie im interaktiven Cockpit und im Schlussbericht.