Erste Hilfe in der Schweiz:
Weit verbreitete Hilfsbereitschaft, begrenzte Handlungsmöglichkeiten

16.06.2026 | Martina Mousson, GFS Bern

Die Schweizer Bevölkerung ist im Allgemeinen bereit, in medizinischen Notfällen Hilfe zu leisten. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Wissen, Selbstvertrauen und praktische Fähigkeiten nicht immer gleichermaßen gut ausgeprägt sind. Insbesondere in komplexen oder risikobehafteten Situationen ist die Unsicherheit nach wie vor gross.

First Aid

Notfälle gehören zum Alltag

Ein großer Teil der Bevölkerung hat medizinische Notfälle bereits am eigenen Leib erlebt. Rund zwei Drittel geben an, solche Erfahrungen in ihrer unmittelbaren Familie und im Freundeskreis, in ihrem weiteren sozialen Umfeld oder mit Fremden gemacht zu haben. Für viele Menschen sind Notfälle daher kein abstraktes Konzept, sondern ein konkreter Bestandteil des Alltags.

Solche Situationen wurden am häufigsten zu Hause, im öffentlichen Raum oder am Arbeitsplatz erlebt. Je nach Alter und Geschlecht zeigen sich Unterschiede: Ältere Menschen berichten häufiger von Notfällen zu Hause, während jüngere Menschen eher von Situationen im öffentlichen Raum berichten. Frauen erlebten Notfälle häufiger zu Hause, während Männer ihnen häufiger im Straßenverkehr oder bei sportlichen Aktivitäten begegneten.

Eindeutige Notfälle werden erkannt, Grauzonen bleiben schwieriger einzuschätzen

Das Verständnis davon, was einen Notfall ausmacht, wird stark von sichtbaren, unmittelbar bedrohlichen Situationen beeinflusst. Eine Person in Not im Wasser, Bewusstlosigkeit oder starke Kopfschmerzen, begleitet von Sprach- oder Sehstörungen, werden von einer großen Mehrheit als Notfälle eingestuft. Selbst Verletzungen mit starken Blutungen werden von vielen als eindeutige Notfälle angesehen.

In weniger eindeutigen Situationen fallen die Einschätzungen zurückhaltender aus. Ein vermuteter Knochenbruch, ein Wespenstich mit starker Schwellung oder hohes Fieber werden deutlich seltener als Notfälle wahrgenommen. Je deutlicher eine Gefahr von außen erkennbar ist, desto eher wird sie als Notfall wahrgenommen. Gerade in weniger offensichtlichen Situationen steigen die Anforderungen an Wissen und Urteilsvermögen.

Hohe Hilfsbereitschaft trifft auf Unsicherheit

Die grundsätzliche Hilfsbereitschaft ist nach wie vor hoch. In hypothetischen Notfallsituationen würden viele Menschen den Rettungsdienst alarmieren, Hilfe organisieren oder selbst eingreifen, um Unterstützung zu leisten. Gleichzeitig zeigt ein Vergleich im Zeitverlauf, dass die Bereitschaft, aktiv einzugreifen, in mehreren Bereichen zurückgegangen ist.

Die Gründe für diese Zurückhaltung liegen kaum in mangelndem Interesse. Weitaus bedeutender sind mangelnde Erfahrung, die Angst, etwas falsch zu machen, die Wahrnehmung eines potenziellen Risikos für sich selbst oder körperliche Einschränkungen. Dies verdeutlicht einen zentralen Widerspruch: Viele Menschen möchten helfen, fühlen sich jedoch nicht in allen Situationen sicher genug, um aktiv und eigenständig zu handeln.

Wissen ist vorhanden, leitet das Handeln jedoch nicht immer

Eine solide Grundlage an Grundwissen ist erkennbar. Die richtige Notrufnummer, 144, ist weithin bekannt. Auch das Symbol und die Funktion eines Defibrillators werden von großen Teilen der Bevölkerung richtig verstanden. Im Bereich der kardiovaskulären Notfälle hat sich der Wissensstand seit 2020 in mancher Hinsicht verbessert.

Anders sieht es aus, wenn es um spezifische Protokolle und die praktische Anwendung geht. Protokolle wie GABI, ABC, PECH oder XABC sind nur teilweise bekannt und wurden in der Praxis noch seltener angewendet. Selbst wenn es um den Einsatz eines Defibrillators oder die Durchführung von Herzdruckmassagen geht, zögert ein erheblicher Teil der Menschen oder würde Hilfe in Anspruch nehmen. Die Studie verdeutlicht somit eine Lücke zwischen Erkennung, Wissen und selbstbewusstem Handeln.

Wasserunfälle verdeutlichen einen besonderen Handlungsbedarf

Notfallsituationen im Wasser stellen eine besondere Herausforderung dar. Die Öffentlichkeit ist relativ gut darin, offensichtliche Anzeichen wie panische Bewegungen oder Hilferufe zu erkennen. Weniger offensichtliche Warnzeichen, wie beispielsweise Reaktionslosigkeit, Bewegungsunfähigkeit oder längeres Untertauchen, werden jedoch weniger leicht erkannt. Dies ist von Bedeutung, da Ertrinken oft still und unauffällig verläuft.

Auch das Ergreifen von Maßnahmen stellt eine Herausforderung dar. Zwar ist das Prinzip allgemein bekannt – dass man bei der Rettung einer Person im Wasser zunächst die Option wählen sollte, die das geringste Risiko für sich selbst darstellt –, doch würden manche Menschen in einer konkreten hypothetischen Situation sofort hinausschwimmen. Dies führt zu einem Spannungsfeld zwischen theoretischem Wissen, emotionalem Impuls und Selbsterhaltung.

Öffentlichkeit sieht deutliche strukturelle Verbesserungen

Die Studie zeigt klare Erwartungen hinsichtlich der Weiterentwicklung der Erste-Hilfe-Ausbildung. Häufig genannt werden die Auffrischung des vorhandenen Wissens, lebensrettende Massnahmen wie Wiederbelebung und der Einsatz von Defibrillatoren sowie einfache Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Notfälle.

Die Unterstützung für strukturelle Maßnahmen ist groß. Eine verpflichtende Erste-Hilfe-Ausbildung in Schulen und am Arbeitsplatz findet breite Zustimmung. Auch zusätzliche öffentlich zugängliche Defibrillatoren erhalten starke Unterstützung. Die Mehrheit sieht das ideale Alter für den Beginn einer Erste-Hilfe-Ausbildung zwischen 10 und 15 Jahren. Erste Hilfe wird somit nicht nur als individuelle Kompetenz, sondern als gesellschaftliche Verantwortung verstanden.

So wurde die Studie durchgeführt

Die Studie basiert auf einer repräsentativen Online-Befragung der Bevölkerung, die von Helsana und dem Schweizerischen Roten Kreuz in Auftrag gegeben wurde. Die Daten wurden über das hauseigene Online-Panel „Polittrends“ von gfs.bern erhoben. Insgesamt wurden zwischen dem 10. und 19. März 2026 2’025 in der Schweiz wohnhafte Personen im Alter zwischen 18 und 74 Jahren befragt. Die Stichprobe umfasst 1’421 Personen aus der Deutschschweiz, 480 aus der Westschweiz und 124 aus der Tessiner Schweiz. Die Daten wurden nach Alter, Geschlecht, Sprache, Siedlungstyp und Bildungsstand gewichtet. Die Fehlermarge beträgt ±2,2 Prozentpunkte bei einem Konfidenzniveau von 50 Prozent und einer statistischen Signifikanz von 95 Prozent.

Weitere Informationen zur Studie finden Sie im Schlussbericht „Erste Hilfe in der Schweiz“ von gfs.bern, der im Auftrag von Helsana und dem Schweizerischen Roten Kreuz erstellt wurde.


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Martina Mousson

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