Änderung am Zivildienstgesetz angenommen: Romandie und Städte bleiben skeptisch
Die Änderung des Zivilgesetzes wird mit 53 % (Stand Hochrechnung 15.30 Uhr) Ja-Anteil angenommen. Das ist ein Erfolg für Bundesrat, Parlament und Armee, aber kein triumphaler Sieg. Nach dem praktisch offenen Rennen gemäss den zweiten SRG Trend-Resultatensetzte sich die Behördenposition am Abstimmungssonntag solide durch. Die Vorlage blieb im Abstimmungskampf umstritten und stand deutlich im Schatten der «Keine 10 Millionen Schweiz»-Initiative.
Patt löst sich zugunsten der Behördenposition auf
Am Schluss trugen vermutlich die zentralen Ja-Argumente klar genug: Die Armee braucht genügend Personal, und der Zivildienst soll keine faktische Wahlfreiheit sein. Auf Werteebene blieb die Bevölkerung mehrheitlich auf der Seite der Verschärfung. Vermutlich aufgrund diesen Argumenten setzte sich das Ja durch, auch wenn die Vorbehalte gegenüber den Folgen für Pflege, Betreuung, Bildung, Umwelt und Gemeinden bis zuletzt sichtbar blieben.
Der Konflikt war politisch, aber nicht gleich stark mobilisierend wie bei anderen linken Referenden. Links-Grün und GLP formierten sich zunehmend gegen die Vorlage, während SVP und FDP stärker auf der Ja Seite blieben. Die Mitte und Parteiungebundene blieben eher zustimmend, aber weniger stabil als zu Beginn.
Die Vorlage hatte eine untypische Dynamik für eine Behördenvorlage. Normalerweise hilft im Verlauf der Kampagne die Behördenposition. Hier nahm die Zustimmung zunächst ab. In der zweiten Welle der SRG-Trendanalyse lag die Vorlage praktisch im Patt: 48 Prozent Ja, 46 Prozent Nein und 6 Prozent unentschieden. Am Abstimmungssonntag löste sich dieses Patt sichtbar zugunsten der Behördenposition auf. Mit 53 Prozent Ja ist das Resultat keine knappe Zufallsmehrheit, sondern eine solide Annahme nach offenem Trend.
Ja Argumente tragen stärker als Gegenkampagne
Die Kampagne war keine laute, teure oder eigenständig prägende Referendumskampagne. Die Gegnerschaft verfügte über begrenzte Mittel und stand klar im Schatten der «Keine 10 Millionen Schweiz»-Initiative. Gerade deshalb ist das Ja bemerkenswert: Die Vorlage setzte sich nicht wegen einer besonders prägenden Kampagne durch, sondern weil die zentralen Behördenargumente in einer offenen Ausgangslage ausreichend tragfähig blieben.
Die Ja Seite profitierte davon, dass ihre Kernargumente auf einer wertemässig mehrheitsfähigen Grundlage standen. Insbesondere die Sicherung der Einsatzfähigkeit der Armee erreichte in beiden Umfragewellen hohe Zustimmung. Die Nein Seite konnte die Schwächen der Vorlage benennen, insbesondere die drohende Schwächung von Pflege, Betreuung, Bildung, Umwelt und Gemeinden, aber nicht in eine entscheidende Gegenmobilisierung übersetzen. So griff ein bekanntes Muster bei Behördenvorlagen in offener Ausgangslage: Wenn die Gegnerschaft die Unentschiedenen nicht klar für sich gewinnt, stabilisiert sich in der Schlussphase oft die Behördenposition.
Sprachregionen und Siedlungsart zeigen die Konfliktstruktur
Das räumliche Konfliktmuster zeigt, dass die Annahme des Zivildienstgesetzes nicht in allen Landesteilen gleich stark getragen wurde. Besonders in der französischsprachigen Schweiz fiel die Ablehnung deutlicher aus. Die Romandie wird damit zum wichtigsten Nein-Schwerpunkt, während die Vorlage in der deutschsprachige und in der italienischsprachige Schweiz stärker abgestützt war.
Auch nach Siedlungsart zeigt sich ein klares Muster. In den Städten fiel die Opposition zur Vorlage deutlicher aus. Die Zustimmung wurde dagegen stärker von intermediären und ländlichen Räumen getragen. Das verweist darauf, dass die Behördenargumente rund um Armeebedarf und Wehrgerechtigkeit ausserhalb der urbanen Zentren stärker verfingen, während in den Städten die Vorbehalte gegenüber einer Schwächung des Zivildienstes mehr Gewicht erhielten.
Damit standen die Städte am 14. Juni 2026 bei der 10-Millionen-Schweiz auf der Siegerinnenseite, beim Zivildienstgesetz auf der Verliererinnenseite. Zweimal gesiegt haben namentlich gemessen an den Parolen die FDP und die Mitte und auch die Position des Bundesrats. Tatsächlich zeigt das Muster der Zustimmung zum Zivildienstgesetz, dass in Kantonen, wo die Unterstützung der Behördenposition typischwerweise höher ist, auch das Ja zum Zivildienst höher war. Wer erst am Schluss entschieden hat, dürfte als Heuristik (Entscheidungsabkürzung) auch die Position des Bundesrats zur Kenntnis genommen haben.
Wer genau Ja oder Nein gestimmt hat, lässt sich am Abstimmungssonntag noch nicht abschliessend sagen. Dies wird die offizielle Nachbefragung im Auftrag der Bundeskanzlei, die VOX-Analyse, darlegen können.
Zukunft: Umsetzung wird zum Prüfstein
Die Annahme ist eine Bestätigung der Vorlage, aber kein Freipass. Sichtbar bleibt, dass die Zustimmung im Kampagnenverlauf deutlich sank und sich erst am Abstimmungssonntag wieder stabilisierte. Für Bundesrat und Parlament ist das Resultat deshalb auch ein Umsetzungsauftrag: Die Reform wird daran gemessen werden, ob die Armee tatsächlich mehr Personal erhält und ob die Einsatzbereiche des Zivildienstes keinen gravierenden Einbruch erleben.
Es stehen weitere sicherheitspolitische Weichenstellungen an. Die heutige Erfahrung zeigt: Sicherheitspolitische Vorlagen können auch aus einer offenen Ausgangslage heraus gewonnen werden. Dafür muss der Wertekern tragen, und die Gegnerschaft darf die Unentschiedenen nicht in ausreichendem Mass für sich gewinnen.