Gesundheitsmonitor 2026
Zugang vor Kosten, aber nicht um jeden Preis
Die Schweizer Stimmbevölkerung beurteilt die Qualität des Gesundheitswesens weiterhin sehr positiv. Gleichzeitig gewinnt die Kostenfrage an Gewicht: Der Zugang zu einer guten Versorgung bleibt zentral, doch die Bereitschaft wächst, für tiefere Gesundheitskosten auch konkrete Einschränkungen in Kauf zu nehmen.
Hohe Qualität bleibt das Fundament
79 Prozent der Stimmberechtigten beurteilen die Qualität des Schweizer Gesundheitswesens als gut oder sehr gut. Besonders deutlich steigt der Anteil der Bestnote «sehr gut»: von 24 Prozent im Vorjahr auf 32 Prozent im Jahr 2026. Hinzu kommen 18 Prozent, welche die Qualität als eher gut einstufen. Negative Bewertungen bleiben damit die Ausnahme.
Was eine gute Gesundheitsversorgung ausmacht, ist für die Bevölkerung ebenfalls klar. 59 Prozent zählen eine gute Ausbildung des medizinischen Personals zu den wichtigsten Qualitätsmerkmalen. 55 Prozent nennen einen einfachen Zugang zu Hausärzt:innen und Spezialist:innen in der eigenen Region. An dritter Stelle folgt mit 39 Prozent der gleichberechtigte Zugang zu neuen, innovativen Medikamenten und Therapien.
Kosten spielen im Qualitätsverständnis zwar eine Rolle, stehen aber nicht an erster Stelle. Tiefe Krankenkassenprämien werden von 32 Prozent als zentrales Qualitätsmerkmal genannt.
Krankenkassenprämien rücken wieder stärker in den Vordergrund
Parallel zur positiven Qualitätsbeurteilung nimmt die wahrgenommene finanzielle Belastung wieder zu. Am häufigsten werden Krankenkassenprämien als dauerhaftes oder gelegentliches Problem genannt: Gesamtschweizerisch trifft dies auf 33 Prozent der Stimmberechtigten zu. Zahnarztrechnungen und Steuern folgen mit je 28 Prozent.
Hinter diesen Gesamtwerten stehen deutliche sprachregionale Unterschiede. In der Deutschschweiz nennen 25 Prozent die Krankenkassenprämien als Problem. In der Romandie sind es 59 Prozent, in der italienischsprachigen Schweiz 38 Prozent. Während der Problemdruck in der Romandie gegenüber den hohen Werten der vergangenen Jahre zurückgeht, nimmt er in der Deutschschweiz und der Svizzera Italiana wieder zu.
Kostendruck erhöht die Kompromissbereitschaft
Grundsätzlich bleiben Qualität, ein breiter Zugang zu Medikamenten und eine umfassende Grundversicherung wichtige Leitvorstellungen. Sobald mögliche Einschränkungen jedoch ausdrücklich mit einer Senkung der Gesundheitskosten verbunden werden, zeigt sich 2026 eine deutlich höhere Kompromissbereitschaft.
65 Prozent wären bereit, auf die freie Spitalwahl zu verzichten. Im Vorjahr waren es 49 Prozent. Einen eingeschränkten Zugang zu neuen modernen Medikamenten oder neuen Behandlungsformen würden 58 Prozent akzeptieren, gegenüber 41 Prozent im Jahr 2025. Auch der Verzicht auf die freie Arztwahl findet mit 57 Prozent wieder eine Mehrheit.
Selbst bei einer Kürzung des Leistungskatalogs der Grundversicherung steigt die Akzeptanz von 36 auf 50 Prozent. Wird dagegen unabhängig von einer konkreten Kostensenkung nach der gewünschten Ausgestaltung der Grundversicherung gefragt, bleibt der heutige Leistungsumfang mit 43 Prozent die am häufigsten gewählte Option. 30 Prozent wünschen einen Ausbau, 22 Prozent einen Abbau.
Die Ergebnisse zeigen damit zwei gleichzeitig bestehende Erwartungen: Die Versorgung soll grundsätzlich umfassend bleiben. Unter konkretem Kostendruck steigt jedoch die Bereitschaft, einzelne Wahlfreiheiten und Leistungen zurückzustellen.
Mehr Mittel für Grundversorgung und Prävention
Auch bei der Verteilung finanzieller Mittel verschieben sich die Prioritäten. Am häufigsten wünschen sich die Befragten mehr Mittel für allgemeine Ärzt:innen und für Prävention. Je 47 Prozent würden in diesen Bereichen zusätzliche Ressourcen einsetzen. Für Psychotherapie wünschen sich 32 Prozent mehr Mittel, für Spitäler 25 Prozent.
Anders entwickelt sich die Medikamenten- und Impfstoffforschung. Während der Covid-19-Pandemie stieg der Wunsch nach zusätzlichen Investitionen stark an. 2026 sprechen sich noch 24 Prozent für mehr Mittel in diesem Bereich aus. Zusätzliche Ausgaben für Medikamente nennen 12 Prozent, für Spezialärzt:innen 8 Prozent.
Damit verlagert sich die finanzielle Priorität stärker auf die unmittelbare Grundversorgung und die Vorbeugung von Krankheiten.
Gleichberechtigter Zugang zu Innovationen bleibt zentral
Bei innovativen Therapien steht 2026 der gleichberechtigte Zugang unabhängig von den Kosten an erster Stelle. 75 Prozent stimmen diesem Grundsatz zu. Gleichzeitig nimmt die Offenheit für finanzielle Begrenzungen teilweise zu: 44 Prozent sind der Ansicht, dass sich das Schweizer Gesundheitssystem einen uneingeschränkten Zugang zu innovativen Therapien nicht leisten könne. Im Vorjahr waren es 35 Prozent.
Die tatsächliche Verfügbarkeit neuer Medikamente ist für viele Befragte zunächst schwierig einzuschätzen. Ein Drittel geht davon aus, dass innovative Medikamente in der Schweiz häufiger verfügbar sind als in Deutschland, während 33 Prozent keine Einschätzung abgeben können. Nachdem die Befragten darüber informiert wurden, dass in der Schweiz gemäss der im Fragebogen präsentierten Information nur etwa die Hälfte der neuen innovativen Medikamente im gleichen Zeitraum verfügbar ist wie in Deutschland, beurteilen 72 Prozent diese Situation als problematisch.
Als mögliche Gründe für Verzögerungen sehen die Befragten insbesondere hohe Preise und langwierige Verfahren. 86 Prozent stimmen der Aussage zu, Pharmaunternehmen verlangten für neue Medikamente zu hohe Preise. 78 Prozent sehen die Dauer bis zur Aufnahme eines zugelassenen Medikaments in die Vergütungsliste als Ursache, 76 Prozent die Dauer von Prüfung und Zulassung.
Pharmastandort wichtig, höhere Preise nur begrenzt akzeptiert
Die Rolle der Pharmaindustrie für die Gesundheitsversorgung wird gleichzeitig breit anerkannt. 90 Prozent finden, Forschung, Entwicklung und Produktion von Medikamenten sollten weiterhin stark in der Schweiz verankert sein. 69 Prozent gehen davon aus, dass eine Schwächung des Pharmastandorts langfristig auch die Gesundheitsversorgung gefährden könnte.
Drei Viertel der Stimmberechtigten sind zudem der Ansicht, dass bei der Beurteilung von Medikamentenpreisen nicht nur möglichst tiefe Kosten berücksichtigt werden sollten, sondern auch die Attraktivität der Schweiz für Pharmaunternehmen und die Verfügbarkeit neuer Medikamente. Sobald diese Abwägung konkret höhere Medikamentenpreise einschliesst, fällt die Zustimmung zurück: 51 Prozent wären dazu bereit, wenn dadurch Arbeitsplätze, Forschung und Versorgungssicherheit in der Schweiz gestärkt würden.
Der Gesundheitsmonitor 2026 zeichnet damit ein differenziertes Bild: Zugang und Versorgungsqualität behalten einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig setzt der wachsende Kostendruck der Zahlungsbereitschaft und der uneingeschränkten Versorgung zunehmend Grenzen.
So wurde untersucht
Der Gesundheitsmonitor wird seit 1997 von gfs.bern im Auftrag von Interpharma durchgeführt. Für die Erhebung 2026 wurden zwischen dem 28. Juli und dem 17. August 2026 insgesamt 1’046 Stimmberechtigte in der Schweiz befragt. Davon stammen 675 aus der Deutschschweiz, 248 aus der französischsprachigen und 123 aus der italienischsprachigen Schweiz. Die Datenerhebung erfolgte im Mixed-Mode-Verfahren mit 202 telefonischen Interviews und 844 Online-Interviews über das Panel Polittrends. Die Daten wurden unter anderem nach Siedlungsart, Bildung, Partei, Alter und Geschlecht, Kanton und Sprache gewichtet. Der ausgewiesene Stichprobenfehler beträgt bei einer Verteilung von 50 zu 50 Prozent ±3,1 Prozentpunkte bei 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit.
Weiterführende Informationen finden sich im Online-Cockpit.