Gerechtigkeitsbarometer 2026: Vertrauen in die Gerechtigkeit sinkt spürbar
Das Gerechtigkeitsbarometer 2026 zeigt eine klare Verschiebung in der Wahrnehmung der Schweizer Bevölkerung: Das Vertrauen in die Fairness des Systems nimmt ab, und eine knappe Mehrheit beurteilt die Schweiz nicht mehr als gerecht. Im Vergleich zur ersten Erhebung im Jahr 2024 hat sich die Stimmung deutlich eingetrübt. Im Zentrum der Kritik stehen dabei vor allem Fragen rund um Kosten, Einkommen und Verteilung – und damit die grundlegende Frage, wer in der Gesellschaft welche Lasten trägt und wer davon profitiert.
Das Gerechtigkeitsempfinden in der Schweiz wird zunehmend durch die eigene finanzielle Situation geprägt. Besonders deutlich zeigt sich dies beim Vergleich der Einkommensgruppen: Während 65 Prozent der Personen mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von über 13’000 Franken das System als gerecht beurteilen, sind es bei denjenigen mit weniger als 3’000 Franken nur noch 27 Prozent. Dieser Abstand zieht sich durch nahezu alle Themenfelder der Befragung. Wer über geringere finanzielle Mittel verfügt, fühlt sich deutlich häufiger benachteiligt, etwa angesichts steigender Lebenshaltungskosten oder beim Zugang zur Justiz. Insgesamt verschiebt sich die Wahrnehmung von Gerechtigkeit damit weg von allgemeinen Prinzipien hin zu konkreten materiellen Erfahrungen im Alltag. Geld wird zunehmend zum zentralen Massstab dafür, ob das System als fair oder unausgewogen gilt.
Die als besonders gravierend wahrgenommenen Ungerechtigkeiten konzentrieren sich klar auf Fragen der Verteilung und Prioritätensetzung. Am häufigsten genannt wird mit 50 Prozent die Ansicht, dass ausländische Straftäter zu selten ausgeschafft werden. Knapp dahinter folgt mit 48 Prozent die Kritik, die Politik vertrete eher die Interessen der Wirtschaft als jene der «kleinen Leute». Ebenfalls stark gewichtet wird die Diskrepanz zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten: 45 Prozent sind der Meinung, dass die Lohnentwicklung mit den steigenden Kosten nicht Schritt hält. Mit 43 Prozent gehört auch die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern zu den meistgenannten Punkten. Diese Häufung deutet darauf hin, dass unterschiedliche Themen entlang einer übergeordneten Verteilungsfrage beurteilt werden: Im Zentrum steht, wie Kosten und Belastungen verteilt sind – und wer von den bestehenden Strukturen profitiert.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich mehrere gesellschaftliche Konfliktlinien gleichzeitig verstärken und teilweise überlagern. Besonders ausgeprägt ist der Graben zwischen den Generationen: Mehr als die Hälfte der 16- bis 39-Jährigen gibt an, finanziell schlechter dazustehen als ihre Eltern im gleichen Alter, während bei den über 65-Jährigen nur 18 Prozent diese Einschätzung teilen. Auch bei der Frage der Nachhaltigkeit gehen die Wahrnehmungen weit auseinander: 59 Prozent der Jüngeren empfinden es als ungerecht, dass ältere Generationen auf ihre Kosten leben, gegenüber lediglich 26 Prozent bei den Älteren.
Ein weiterer zentraler Unterschied zeigt sich zwischen den Geschlechtern. So beurteilen 91 Prozent der Frauen Lohndifferenzen als ungerecht, bei den Männern sind es 65 Prozent. Gleichzeitig nehmen 38 Prozent der Männer bei Fragen der Machtverteilung eine neutrale Haltung ein, während Frauen deutlich häufiger strukturelle Benachteiligungen sehen. Auch bei der unbezahlten Care-Arbeit kritisieren über 60 Prozent der Frauen die ungleiche Verteilung, während Männer diese Problematik weniger stark gewichten.
Diese unterschiedlichen Perspektiven kumulieren mit den bereits bestehenden sozialen Unterschieden zwischen Einkommensgruppen. Insgesamt entsteht ein Bild, in dem sich mehrere Gräben – zwischen Jung und Alt, zwischen Frauen und Männern sowie zwischen finanziell besser und schlechter Gestellten, gleichzeitig vertiefen und das gemeinsame Verständnis von Gerechtigkeit zunehmend fragmentieren.
Der Zugang zur Justiz wird von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung als besonders kritisch beurteilt. Insgesamt 81 Prozent der Befragten empfinden es als ungerecht, dass finanzielle Ressourcen mit darüber entscheiden, ob jemand einen Rechtsstreit führen und erfolgreich bestehen kann. Auf der verwendeten Skala von –5 («sehr ungerecht») bis +5 («sehr gerecht») erreicht diese Aussage mit einem Mittelwert von –3,1. Die Kritik beschränkt sich dabei nicht auf einkommensschwache Gruppen: Selbst unter Haushalten mit einem monatlichen Einkommen von über 13’000 Franken beurteilen 31 Prozent diese Situation als «sehr ungerecht». In der mittleren Einkommensgruppe (7’000 bis 9’000 Franken) liegt dieser Anteil bei 42 Prozent, bei Einkommen unter 3’000 Franken steigt er auf 61 Prozent. Die Ergebnisse zeigen, dass weniger die Urteile selbst, sondern vor allem die finanziellen Hürden und der Zugang zum Rechtssystem als problematisch wahrgenommen werden.
Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in zentrale Institutionen weitgehend intakt. Die direkte Demokratie, die Grundfreiheiten sowie die Sicherheit im öffentlichen und rechtlichen Raum werden weiterhin klar positiv bewertet. Auch das Bildungssystem und die soziale Absicherung gelten für viele als tragende Pfeiler der gesellschaftlichen Stabilität. Die Kritik richtet sich damit weniger gegen die institutionellen Grundlagen des Systems als vielmehr gegen Fragen der Verteilung und des Zugangs.
Die Ergebnisse basieren auf dem Gerechtigkeitsbarometer 2026, einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage im Auftrag des Beobachters in Kooperation mit Coop Rechtsschutz. Die Erhebung wurde vom Forschungsinstitut gfs.bern durchgeführt. Insgesamt wurden rund 2000 Personen in der Schweiz befragt. Die Datenerhebung fand im Zeitraum Januar/Februar 2026 statt und erlaubt Vergleiche mit der ersten Messung aus dem Spätsommer 2024. Der statistische Stichprobenfehler beträgt ±2,2 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent und einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit.