Adipositas: Anerkannt als Krankheit, stigmatisiert im Alltag und Versorgungslücken im Gesundheitssystem

14.07.2026 | Ina Gutjahr, GFS Bern

Erstes Novo Nordisk Adipositas-Barometer

79 Prozent der Schweizer Bevölkerung anerkennen Adipositas als behandlungsbedürftige Krankheit. Dennoch berichten Betroffene im Alltag und auch im Gesundheitswesen von erheblicher Diskriminierung und Hürden. Diese deutliche Kluft zwischen der medizinischen Anerkennung der Krankheit und der erlebten Versorgungssituation zeigt das erste Schweizer Adipositas-Barometer von Novo Nordisk.

Betroffene stark stigmatisiert – vergleichbar mit psychischen Erkrankungen und Sucht

Die Befragung, durchgeführt vom Forschungsinstitut gfs.bern, zeigt das tiefe gesellschaftliche Spannungsfeld, welches die Lebensrealität von Menschen mit Adipositas prägt. 82 Prozent der Bevölkerung und 97 Prozent der Ärzteschaft sind der Ansicht, dass Menschen mit starkem Übergewicht in der Schweiz stigmatisiert werden. Damit liegt Adipositas auf einer Stufe mit psychischen Erkrankungen und Sucht. Diese Diskriminierung ist auch im Gesundheitssystem verbreitet: Fast zwei von drei Betroffenen (64%) berichten, bereits einmal von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden zu sein.

Mehrheit der Bevölkerung sieht Verantwortung bei den Betroffenen selbst

Obwohl 79 Prozent der Bevölkerung und 96 Prozent der Ärzteschaft Adipositas als behandlungsbedürftige Krankheit einstufen, bleibt die Vorstellung persönlicher Schuld hartnäckig bestehen. 76 Prozent der Bevölkerung schreiben Betroffenen eine hohe Eigenverantwortung zu, aktiv gegen ihr Übergewicht vorzugehen. Knapp die Hälfte (49%) sieht die Ursache primär in mangelnder Disziplin und dem Lebensstil – eine Ansicht, die auch von 41 Prozent der Ärzt:innen geteilt wird. Dieses Stigma führt zu einem ständigen Rechtfertigungsdruck für die Betroffenen.

«Das erste Novo Nordisk Adipositas-Barometer bestätigt das allgegenwärtige Gewichtsstigma für Betroffene – selbst dort, wo Unterstützung natürlicherweise zu erwarten wäre, wie im persönlichen Umfeld oder von Gesundheitsfachpersonen. Um diese Versorgungslücke nachhaltig zu schliessen, müssen wir Schambarrieren abbauen und den Betroffenen einen einfachen, respektvollen Einstieg in eine langfristig koordinierte und ganzheitliche Behandlung ermöglichen», so Anne Mette Wiis Vogelsang, General Manager Novo Nordisk Schweiz.

Versorgungslücken: Das System stösst an seine Grenzen

Die Betroffenen bewerten die Adipositas-Versorgung in der Schweiz im Durchschnitt mit mittelmässigen 4.9 von 10 Punkten – ein starker Kontrast zu anderen chronischen Erkrankungen wie Krebs, bei denen die Versorgungsqualität über die Jahre hinweg deutlich positiver eingeschätzt wird.

Der Grund dafür sind emotionale und strukturelle Hürden: Aus Scham sucht ein Grossteil der Betroffenen gar nicht erst Hilfe (72%). Wer eine Therapie beginnt, bricht diese häufig aufgrund von mangelnder Unterstützung im Umfeld (37%), psychischer Belastung (35%) oder zu hohem Behandlungsaufwand (34%) vorzeitig ab. Zudem fällt die Bewertung der Versorgung bei Betroffenen, die Diät bzw. Ernährungsberatung genutzt haben, besonders kritisch aus.

Steigende Nachfrage trifft auf begrenzte Versorgungskapazitäten

Rund drei Viertel der Ärzteschaft, die Adipositas Behandlungen initiieren, verzeichnet einen deutlichen Anstieg der Adipositas-Konsultationen. Doch die medizinischen Strukturen halten mit diesem Bedarf nicht schritt. Administrative Hürden erschweren eine kontinuierliche Betreuung im Praxisalltag, und laut Befragten fehlt es an eingespielten, interdisziplinären Zuweisungsangeboten.

«Die Ergebnisse des Adipositas-Barometers zeigen deutlich, dass wir in der Schweiz einen strukturellen Wandel in der Versorgung benötigen. Betroffenen soll der Zugang zu professioneller Unterstützung nicht durch Vorurteile oder Kapazitätsengpässe erschwert werden», ordnet Dr. Tobias Keller, Senior-Projektleiter von gfs.bern, ein.

Prävention im Kindesalter und ein nationaler Aktionsplan gefordert

Bevölkerung und Ärzteschaft sehen Handlungsbedarf: Sie erachten eine stärkere Aufklärung über die Krankheit sowie gesunde Ernährung und Bewegung als sehr wirksame Massnahmen. Letztere soll bereits im Kindesalter beginnen. Eine klare Mehrheit der Ärzteschaft und Betroffenen befürwortet zudem die Einführung eines nationalen Aktionsplans (Ärzteschaft mit 74%; Betroffene mit 58%).

Gleichzeitig nimmt die Bevölkerung die zentralen Akteure in die Pflicht, künftig deutlich mehr Engagement zu zeigen. Neben der Lebensmittel- und Getränkeindustrie (72%) erwartet die Bevölkerung insbesondere von der Ärzteschaft (58%) und unterschiedlichen politischen Akteuren mehr Engagement im Kampf gegen Adipositas.


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Ina Gutjahr

Junior Projektleiterin


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