72 Prozent der befragten Betroffenen gehen laut Anne Mette Wiis Vogelsang nicht zum Arzt, weil sie dort kein Verständnis erwarten. Die General Manager von Novo Schweiz kennt diesen Druck aus eigener Erfahrung: Nach ihrer ersten Geburt nahm sie wegen der Hormonumstellung mehr als 20 Kilo zu und glaubte, sie müsse das allein schaffen.
Für Anne Mette ist das kein Randproblem: Wer nicht zum Arzt geht, entwickelt mit hoher Wahrscheinlichkeit Folgeerkrankungen und wird erst spät behandelt. Das werde teuer für das System. Wissenschaftlich gesehen sei Adipositas kein Problem, das man selbst bewältigen könne, auch wenn es eine Eigenverantwortung gebe.
Das Adipositas-Barometer hat gfs.bern im Auftrag von Novo durchgeführt. Corina Schena von gfs.bern hat die Studie mitgeleitet und benennt einen Kernkonflikt: Bei der Aussage, starkes Übergewicht sei vor allem eine Folge von Lebensstil und mangelnder Disziplin, ist die Bevölkerung genau halb-halb geteilt. Die Versorgungsqualität schneidet laut Lukas Golder von gfs.bern mit einem relativ tiefen Wert ab.
Was hilft? Anne Mette beschreibt das Medikament als ein Werkzeug aus einer ganzen Werkzeugkiste. Dazu gehören Begleitung bei Ernährung und Bewegung, allenfalls psychologische Hilfe und mehr Wissen über Adipositas, auch in der Ärzteschaft. Zudem baut Novo zusammen mit dem Inselspital Bern ein Adipositasregister auf.
Im Podcast erwähnte Studien:
Lukas
gfs.echo kompakt, eine Studie im Fokus. Heute: das Adipositas-Barometer. Zu Gast bei uns ist Anne Mette Wiis Vogelsang. Herzlich willkommen.
Anne Mette
Sehr vielen Dank für die Einladung.
Lukas
Ihr bei Novo habt die Studie in Auftrag gegeben. Wir bei gfs.bern haben sie durchgeführt. Wenn du dir das jetzt so gesamtheitlich anschaust: Wo muss die Schweiz ihre Perspektive ändern? Was muss sie bei Adipositas anders verstehen?
Anne Mette
Ich glaube, es ist wichtig, dass wir verstehen, dass Adipositas eine Krankheit ist, eine schwere, chronische, fortgeschrittene Krankheit. Es ist nicht nur eine Krankheit an sich, sondern auch eine Krankheit, die zu sehr vielen anderen Krankheiten oder Folgekrankheiten führen kann. Das ist natürlich eine sehr schwere Hürde für die Gesellschaft, die wir gemeinsam überwinden müssen.
Lukas
Corina Schena, du hast bei uns die Studie mitgeleitet. Was ist dir beim Barometer besonders aufgefallen?
Corina
Mir ist etwas sehr Ähnliches hängen geblieben: dieser Kernkonflikt, den wir haben. Adipositas ist einerseits eine zu behandelnde Krankheit. Andererseits ist in der Bevölkerung nach wie vor dieses Stigma vorhanden, und die betroffenen Personen haben sehr damit zu kämpfen, dass sie stigmatisiert werden. Wenn wir uns dies in der Studie genauer anschauen, spiegelt sich das für mich sehr klar in der Bewertung der folgenden Aussage wider: Starkes Übergewicht ist vor allem dem Lebensstil und mangelnder Disziplin der Betroffenen geschuldet. Wenn wir das anschauen, ist die Bevölkerung halb-halb geteilt. Die eine Hälfte stimmt dieser Aussage zu, die andere Hälfte nicht. Und dann haben wir eben diesen Konflikt, der einfach da ist. Daher kommt auch meine Frage an dich, Anne Mette: Wie siehst du das? Wie kannst du diese Gleichzeitigkeit erklären, also, dass beides gesehen und anerkannt wird? Und was richtet das deiner Meinung nach im Alltag der Betroffenen an?
Anne Mette
Ich finde es ganz bekümmernd, dass man nicht den Menschen sieht, sondern nur die Grösse des Menschen. Und ich finde, es braucht Inklusion: dass man das, was wir sehen, hinter sich lässt und den Menschen ins Zentrum stellt. Für uns, für mich, ist das sehr wichtig. Ich habe selbst erlebt, dass die Hormonumstellungen nach meiner ersten Geburt dazu geführt haben, dass ich mehr als 20 Kilo zugenommen habe. Und ich hatte diesen Gedanken: Das sollte mir nicht passieren, das sollte ich schaffen können. Und das entspricht dem, was wir in der Gesellschaft sehen: dass man diese Herausforderung selber schaffen sollte. Aber wir wissen wissenschaftlich, dass dies kein Problem ist, das man selber bewältigen kann. Natürlich hat man auch eine Eigenverantwortung. Es ist nicht so, dass man alles dem System überlassen kann und dann eine Lösung bekommt. Aber ich glaube, wir müssen den Menschen, die mit Adipositas leben, helfen, ein nachhaltiges Leben zu führen. Sie sollen vor die Tür gehen können, ohne diesen Blicken ausgesetzt zu sein oder auf eine gute Gesundheitsversorgung verzichten zu müssen.
Lukas
Du hast das jetzt auch als Betroffene geschildert. Wir hatten ebenfalls Betroffene in unserem Sample, und sie haben von gewissen Hürden berichtet, auf die sie stossen, wenn sie sich beispielsweise an das Gesundheitssystem wenden. Das heisst, du hast bei dir selbst auch erlebt, dass du mit solchen Hürden konfrontiert bist.
Anne Mette
Genau, genau. Und ich finde es sehr schlecht, dass sehr viele Leute sagen: „Ich gehe nicht zum Arzt, denn ich weiss, dass ich kein Verständnis bekommen werde.“ Diese 72 Prozent, die nicht zum Arzt gehen, sind ein grosses Problem. Denn das führt für die Gesellschaft dazu, dass diese Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Folgeerkrankung entwickeln werden. Dann werden sie spät behandelt. Das wird teuer für das System und zu einem Problem für die Gesellschaft. Ich finde, dass wir der Ärzteschaft helfen sollten, die Menschen zu sehen und ihre Probleme zu verstehen. Dann können wir als Gesellschaft zu einer Lösung beitragen, bei der wir die Probleme der Betroffenen holistisch angehen.
Lukas
Wenn wir über die Versorgung sprechen, besteht die erste Hürde darin, dass man überhaupt bereit ist, sich an die Versorgung zu wenden. Die zweite Hürde ist, dass man möglicherweise auch dort wieder Stigmatisierung erlebt, weil einem mit diesem Grundgedanken begegnet wird: „Das muss die Person selber machen.“ Wir haben insgesamt aber auch einen relativ tiefen Wert bei der Versorgungsqualität gesehen. Die Betroffenen sagen, da sei noch vieles, was verbessert werden könne. Du hast den Begriff „holistisch“ verwendet. Was verstehen wir darunter? Was ist eine holistische Behandlung?
Anne Mette
Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass zu einer guten Adipositasbehandlung gehört, dass man begleitet wird. Man wird darin begleitet, wie man essen und sich bewegen soll. Vielleicht sollte man auch psychologische Hilfe erhalten. Denn nach zehn Jahren, in denen man versucht hat, Gewicht zu verlieren, gibt es eine grosse psychologische Hürde, die behandelt werden muss. Vielleicht muss man auch medikamentös oder chirurgisch behandelt werden. Dafür sollten wir die verschiedenen Akteure im Gesundheitssystem zusammenbringen, um eine holistische Lösung für den Menschen zu finden.
Corina
Da ist natürlich auch das ganze Thema rund um die Prävention sehr wichtig. Dabei stellt sich für mich die Frage, das haben wir auch in unserer Studie genauer untersucht –, was gemacht werden soll und wem es zur Verfügung gestellt werden soll. Wir können sehen, dass sich die Bevölkerung und die Ärzteschaft sehr einig sind: Prävention und vor allem die Aufklärung über Ernährung und Bewegung sollen bereits im Kindesalter erfolgen. Es ist nie zu früh, auf die Möglichkeit von Adipositas aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen, dass es diese Krankheit geben kann. Dabei sollte man nicht nur mit Personen sprechen, die gefährdet sind oder ein erhöhtes Risiko haben. Das Thema sollte viel breiter gedacht werden. Es kann beispielsweise jede Person betreffen, wie bei dir nach einer Schwangerschaft und einer Hormonumstellung. Es besteht immer die Möglichkeit, von Adipositas betroffen zu sein. Für mich stellt sich jetzt auch die Frage: Wie siehst du das? Welche Rolle kann ein Pharmaunternehmen wie Novo einnehmen, um einen wichtigen Beitrag zur Prävention zu leisten?
Anne Mette
Bei Novo arbeiten wir entlang der Triple Bottom Line. Wir messen unseren Erfolg nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich und ökologisch. Mit einer Studie wie dieser versuchen wir, eine Faktenbasis zu schaffen, sodass wir mit Daten argumentieren können. Zusammen mit dem Inselspital hier in Bern bauen wir auch ein Adipositasregister auf. So können wir tiefer gehen und verstehen, welche Behandlungen und welche Formen der Begleitung funktionieren. Ich finde, es ist ein wichtiger Beitrag eines Unternehmens wie unseres an die Gesellschaft, diese Daten in die Diskussion einzubringen.
Lukas
Wir haben von diesem holistischen, auch die Prävention umfassenden Ansatz gesprochen. Trotzdem ist das Medikament jetzt eine Art Game Changer und neu in diesem Behandlungspfad. Was kann das Medikament, und was kann es nicht?
Anne Mette
Ich finde, dass man bei der Adipositasbehandlung nicht nur ein Werkzeug braucht. Es braucht eine Werkzeugkiste, aus der man die Werkzeuge nimmt, die der jeweilige Mensch benötigt. Einige Menschen brauchen eine medikamentöse Behandlung, um langfristige Lösungen zu erhalten. Aber das ist nicht das einzige Werkzeug, das man einsetzen muss. Man muss auch die Bewegung betrachten: Wie können wir langfristig helfen, die Bewegungsmuster, den Lebensstil und die Ernährung zu verändern? Man muss holistisch vorgehen und die verschiedenen Perspektiven dieser Menschen berücksichtigen. Das ist natürlich eine sehr grosse Sache für die Ärzte. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir die Gesundheitskompetenz über Adipositas nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Ärzteschaft aufbauen.
Lukas
Ein klarer Appell. Herzlichen Dank an Anne Mette Wiis Vogelsang, General Manager von Novo Schweiz, für den Besuch hier bei gfs.echo kompakt.
Anne Mette
Herzlichen Dank für die Einladung.
Corina
Und für alle, die sich für diese Studie interessieren und mehr darüber nachlesen möchten: Alle weiteren Informationen zur Studie sowie zur gezeigten Grafik finden sich in den Shownotes.