SVP gewinnt im Grossen Rat – Trede überrascht im Regierungsrat

13.03.2026 | Corina Schena, GFS Bern

Rund sechs Wochen vor den kantonalen Gesamterneuerungswahlen vom 29. März 2026 – noch bevor der eigentliche Wahlkampf begonnen hatte – zeigt das Wahlbarometer im Auftrag der Gassmann Media AG eine klare Ausgangslage: Die bisherigen Regierungsrät:innen profitieren vom Amtsbonus, während sich im Grossen Rat eine leichte Verschiebung zugunsten bürgerlich-traditioneller Parteien abzeichnet. Inhaltlich prägt vor allem ein Thema die Wahlentscheidung: die steigenden Lebenshaltungskosten.

Regierungsrat: Amtsbonus stabilisiert – Trede in der Spitzengruppe

Die Ausgangslage für die Regierungsratswahlen ist von einer Mischung aus Stabilität und personeller Erneuerung geprägt. Drei Mitglieder der Regierung – Christoph Neuhaus (SVP), Christoph Ammann (SP) und Christine Häsler (Grüne) – treten nicht mehr zur Wiederwahl an. Damit werden mindestens drei der sieben Sitze neu besetzt. Gleichzeitig kandidieren vier bisherige Regierungsmitglieder erneut: Evi Allemann (SP), Astrid Bärtschi (Mitte), Philippe Müller (FDP) und Pierre Alain Schnegg (SVP).

In der Zufriedenheitsmessung zeigt sich ein klares Muster. Die Bisherigen profitieren grundsätzlich vom Amtsbonus, jedoch nicht alle im gleichen Ausmass. Besonders stabil ist die Ausgangslage von Evi Allemann. Sie erreicht die höchsten Zufriedenheitswerte aller Kandidierenden und ist die einzige Person, bei der eine absolute Mehrheit der Befragten mit der politischen Arbeit zufrieden ist. Auch Astrid Bärtschi weist eine klar positive Bilanz auf. Deutlich ambivalenter fällt die Wahrnehmung von Pierre Alain Schnegg und Philippe Müller aus. Beide verfügen über eine solide Unterstützung und hohe Bekanntheit, werden jedoch stärker polarisiert wahrgenommen.

Besonders bemerkenswert ist die Position von Aline Trede. Obwohl sie nicht Mitglied der Kantonsregierung ist, erreicht sie Zufriedenheitswerte auf dem Niveau der Bisherigen. Damit positioniert sich die Nationalrätin früh in der Spitzengruppe und durchbricht die klassische Amtsinhaberlogik.

Der simulierte Wahlentscheid bestätigt dieses Bild. Evi Allemann liegt klar auf Platz eins und überschreitet als einzige Kandidatin deutlich die absolute Mehrheitsmarke. Auch die übrigen Bisherigen platzieren sich im vorderen Feld. Pierre Alain Schnegg sichert sich dabei gleichzeitig den institutionell garantierten Jura-Sitz.

Im Rennen um die frei werdenden Sitze zeichnen sich Vorteile für Reto Müller auf Seiten der SP und für Raphael Lanz auf Seiten der SVP ab. Beide bewegen sich im Bereich der wählbaren Plätze und profitieren von einer breiten parteipolitischen Basis. Daniel Bichsel und Hervé Gullotti folgen mit geringem Abstand. Für GLP-Kandidat Tobias Vögeli ist die Ausgangslage strukturell anspruchsvoller, da die Parteibasis im Kanton deutlich kleiner ist als jene der grossen Parteien.

Grosser Rat: SVP baut Vorsprung aus, FDP gerät unter Druck

Bei den Wahlabsichten für den Grossen Rat zeigt sich rund sechs Wochen vor den Wahlen eine moderate, aber politisch relevante Verschiebung. Die SVP bleibt mit deutlichem Abstand stärkste Kraft im Kanton und kann ihre Position gegenüber 2022 ausbauen. Dahinter folgt weiterhin die SP als zweitstärkste Partei. Die Grünen behaupten sich im zweistelligen Bereich und stabilisieren ihr Niveau nach früheren Verlusten. FDP, GLP und Die Mitte liegen relativ nahe beieinander, wobei die Mitte leicht zulegen kann. Die FDP verzeichnet hingegen einen Rückgang und steht zunehmend unter Druck zwischen einer stärker profilierte SVP auf der rechten Seite und zentristischen Kräften wie GLP oder Mitte.

Insgesamt deutet die Momentaufnahme auf eine leichte Verschiebung zugunsten bürgerlich-traditioneller Parteien hin. Gleichzeitig bleibt die grundlegende Struktur der Berner Politik stabil. Die SVP ist besonders im ländlichen Raum stark verankert, während die SP ihre Basis vor allem in den Städten behauptet.

Diese Stadt-Land-Struktur zeigt sich auch in den regionalen Auswertungen. Im Wahlkreis Biel-Bienne-Seeland präsentiert sich eine eher bürgerlich geprägte Ausgangslage mit einer dominierenden SVP und einer stabilen SP in den urbaneren Gemeinden. In der Stadt Bern hingegen bleibt das rot-grüne Lager klar führend. Dort liegt die SP deutlich vorne, gefolgt von Grünen und GLP.

Auch geschlechtsspezifische Unterschiede prägen das Wahlverhalten. Männer wählen deutlich häufiger SVP, während Frauen überdurchschnittlich stark SP und Grüne unterstützen. Insgesamt wählen Frauen im Kanton Bern klar linker als Männer.

Wahlthemen: Lebenshaltungskosten entscheiden über die Parteiwahl

Inhaltlich wird der Wahlkampf klar von ökonomischen Fragen geprägt. Für 35 Prozent der Stimmberechtigten stellen Lebenshaltungskosten und Krankenkassenprämien die grösste Herausforderung dar. Kein anderes Thema erreicht vergleichbare Werte.

Auf Rang zwei folgt Klimaschutz und Umwelt mit 29 Prozent. Drittwichtigstes Thema ist bezahlbarer Wohnraum mit 23 Prozent. Ebenfalls häufig genannt werden Steuerbelastung sowie Kriminalität und Sicherheit im öffentlichen Raum. Noch deutlicher wird die Bedeutung der Kostenfrage beim konkreten Wahlentscheid. 17 Prozent der Stimmberechtigten nennen Lebenshaltungskosten und Krankenkassenprämien als ausschlaggebendes Motiv für ihre Parteiwahl. Klimaschutz folgt mit deutlichem Abstand auf Rang zwei. Bemerkenswert ist, dass dieses Motiv parteiübergreifend wirkt. Selbst bei der SVP-Wählerschaft stehen Lebenshaltungskosten beim konkreten Wahlentscheid an erster Stelle. Die finanzielle Belastung überlagert damit teilweise andere politische Konfliktlinien.

Gleichzeitig bleiben klare parteipolitische Profilierungen sichtbar. Die SP wird von vielen Befragten als besonders kompetent bei Fragen der Lebenshaltungskosten wahrgenommen. Beim Klimaschutz dominieren klar die Grünen, gefolgt von SP und GLP. Wirtschaftspolitische Kompetenz wird hingegen am stärksten mit der FDP verbunden.

Neben den parteipolitischen Unterschieden zeigen sich auch gesellschaftliche Differenzen. Frauen gewichten soziale Themen, Klimaschutz und Versorgungsfragen stärker, während Männer häufiger Sicherheit, Migration und Steuerfragen nennen. Auch zwischen der deutsch- und französischsprachigen Bevölkerung bestehen Unterschiede in der Problemwahrnehmung.

So wurde untersucht

Im Auftrag der Gassmann Media AG führte gfs.bern im Vorfeld der Berner Gesamterneuerungswahlen vom 29. März 2026 eine kantonale Wahlumfrage durch. Ziel der Studie ist es, die politische Ausgangslage für die Wahlen in den Grossen Rat und in den Regierungsrat abzubilden, Trends sichtbar zu machen und zentrale Mobilisierungspotenziale zu identifizieren.

Die Erhebung wurde als Mixed-Mode-Onlinebefragung realisiert. Kombiniert wurden eine offen beworbene Opt-In-Befragung über die Kanäle des Medienpartners, gezieltes Social-Media-Targeting sowie das Panel Polittrends von gfs.bern. Insgesamt wurden 1’613 Stimmberechtigte im Kanton Bern befragt. Die Feldphase dauerte vom 6. bis 22. Februar 2026, der Median der Interviews liegt beim 12. Februar 2026. Da es sich nicht um eine klassische Zufallsstichprobe handelt, wurden die Daten nach Alter und Geschlecht nach Sprache, Siedlungsart, Bildung, Parteibindung und Wahlkreis gewichtet. Der statistische Unsicherheitsbereich beträgt ±2,4 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent und einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 95 Prozent.

 

Weiterführende Informationen sowie sämtliche Grafiken und Detailauswertungen finden sich im Cockpit zum Wahlbarometer Kanton Bern 2026.

 


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