Politisch interessierte Jugendliche in einer (zu) komplexen Welt

26.02.2026 | Sophie Schäfer, GFS Bern

Der Schweizer Jugend- und Demokratiemonitor 2025 zeigt: Das politische Interesse der Jugendlichen ist 2025 so hoch wie seit 2014 nicht mehr. Gleichzeitig empfinden viele Politik als zu komplex – sie unterstützen die Demokratie klar, beteiligen sich aber nur zurückhaltend an Abstimmungen und politischem Engagement.

Politisches Interesse auf Höchststand mit klaren thematischen Schwerpunkten

Das Interesse der Schüler:innen zwischen 15 und 25 Jahren an weltweiter Politik erreicht mit 54 Prozent seit der ersten Erhebung 2014 einen Höchstwert. Auch das Interesse an Schweizer Politik ist gegenüber 2023 deutlich gestiegen und liegt bei 55 Prozent.

Das Interesse ist jedoch selektiv. Besonders stark interessieren Themen mit unmittelbarer oder emotionaler Relevanz. Am häufigsten genannt werden Kriminalität (41%), psychische Gesundheit (35%) und Diskriminierung (35%). Auch Schule und Bildung (33%) sowie Migrationspolitik und der Gaza-Krieg (je 32%) stehen im Fokus. Institutionelle Fragen wie unterschiedliche politische Systeme oder das Stimmrechtsalter 16 spielen demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Auffällig sind hierbei geschlechtsspezifische Unterschiede. Junge Frauen interessieren sich deutlich häufiger für psychische Gesundheit, Diskriminierung oder Gleichstellung, während junge Männer stärker sicherheits- und wirtschaftspolitische Themen verfolgen. So geben 50 Prozent der jungen Frauen an, sich für psychische Gesundheit zu interessieren, gegenüber 20 Prozent der jungen Männer.

Hohe Zustimmung zur Demokratie trifft auf geringe Beteiligungsbereitschaft

Die normative Unterstützung für demokratische Prinzipien ist ausgeprägt. 80 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ein Land profitiert, wenn die Bevölkerung mitbestimmen kann und 78 Prozent sind überzeugt, dass junge Menschen durch Abstimmungen ihre Zukunft mitgestalten können. Demgegenüber steht jedoch eine deutlich tiefere Beteiligungsbereitschaft. Nur rund 30 Prozent können sich vorstellen, an der nächsten Abstimmung teilzunehmen. Politische Teilhabe bleibt zudem häufig auf niedrigschwellige Formen beschränkt, etwa das Unterschreiben einer Initiative (37%) oder einer Online-Petition (32%).

Als zentrale Hürden werden die komplexe Sprache der Politik (51%), Zeitmangel (41%) sowie fehlendes Interesse (39%) genannt. 32 Prozent haben zudem das Gefühl, ihre Stimme habe wenig Einfluss. Die Diskrepanz zwischen demokratischer Überzeugung und tatsächlichem Handeln bleibt damit eine zentrale Herausforderung.

Politische Bildung steht unter Druck und wirkt besonders durch Dialog

Der wahrgenommene Lernertrag der politischen Bildung ist weiter gesunken und erreicht mit 40 Prozent den tiefsten Wert seit der ersten Erhebung im Jahr 2014. Gleichzeitig fühlen sich 54 Prozent der Jugendlichen nicht gut auf das Abstimmen vorbereitet.

Jugendliche wünschen sich vor allem Kompetenzen, die sie konkret handlungsfähig machen: die eigene Meinung begründen können (55%), Fake News erkennen (54%) und die Grundrechte kennen (52%). Besonders gefragt sind praxisnahe Formate wie Besuche politischer Institutionen oder das gemeinsame Ausfüllen von Wahl- und Abstimmungshilfen – Angebote, die derzeit seltener stattfinden, als es sich die Jugendlichen wünschen. Eine Regressionsanalyse zeigt zudem, dass dialogorientierte Unterrichtsformen besonders wirksam sind. Wenn Lehrpersonen Diskussionen ermöglichen, zur eigenständigen Informationssuche ermutigen und sich politisch neutral verhalten, steigt der wahrgenommene Lernertrag um bis zu 17 Prozentpunkte. Politische Bildung entfaltet ihre Wirkung vor allem dort, wo sie lebensnah, verständlich und partizipativ gestaltet ist.

Digitale Informationsräume prägen die politische Meinungsbildung bei begrenztem Vertrauen

Die politische Informationsbeschaffung verlagert sich zunehmend in digitale Räume. Zwar bleiben Familie (50%) und Schulunterricht (39%) zentrale Bezugspunkte, doch Plattformen wie Instagram (44%) und TikTok (38%) gewinnen weiter an Bedeutung. Gedruckte Zeitungen verlieren dagegen an Relevanz. Auffällig ist die Kluft zwischen Nutzung und Vertrauen. Soziale Medien werden intensiv verwendet, geniessen jedoch nur bei 25 Prozent Vertrauen. Klassische Medien erreichen mit 58 Prozent deutlich höhere Vertrauenswerte. Die Informationspraxis der Jugendlichen ist damit stärker digital geprägt, als es ihre Vertrauensbasis vermuten liesse.

Als besonders verständlich gelten easyvote (73%), die App Votenow (63%) und ChatGPT (56%) – jeweils unter denjenigen, die diese Angebote nutzen. Sie dienen vielen Jugendlichen als Orientierungshilfe in einem als komplex wahrgenommenen politischen Umfeld.

Ein experimentelles Setting zur Erkennung von Fake News verdeutlicht jedoch bestehende Unsicherheiten. Zwar wird eine fingierte Meldung häufiger als unglaubwürdig eingestuft als eine echte. Insgesamt bleibt die Beurteilung der Glaubwürdigkeit aber ambivalent. Dies weist auf einen weiterhin unsicheren Umgang mit digitalen Informationsinhalten hin.

Nachhaltigkeit und Zukunftserwartungen zwischen Zuversicht und Verunsicherung

Soziale (82%), wirtschaftliche (80%) und ökologische Nachhaltigkeit (79%) haben für Jugendliche eine gleichermassen hohe Bedeutung. Gleichzeitig ist eine Mehrheit von 54 Prozent der Ansicht, dass in der Schweiz bereits genug für Nachhaltigkeit getan wird. Die Verantwortung sehen sie dabei in erster Linie beim Staat, deutlich weniger bei sich selbst.

Der Blick in die Zukunft fällt insgesamt ambivalent aus. 48 Prozent zeigen sich zuversichtlich mit Blick auf ihre persönliche Zukunft, 44 Prozent hinsichtlich der Zukunft der Schweiz. Demgegenüber stehen ausgeprägte Sorgen: 62 Prozent beschäftigen globale Entwicklungen, und rund jede zweite Person sorgt sich um die eigene finanzielle Situation. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind dabei deutlich. Männer äussern sich wesentlich optimistischer zur eigenen wie auch zur nationalen Zukunft als Frauen. Jugendliche ohne Schweizer Staatsbürgerschaft beurteilen ihre persönliche Zukunft eher pessimistisch, schätzen jedoch die Zukunft der Schweiz vergleichsweise positiver ein.

Methodische Details

Die Studie basiert auf einer Online-Befragung von 1’986 Jugendlichen im Alter von 15 bis 25 Jahren mit Wohnsitz in der Schweiz. Die Datenerhebung fand vom 1. September bis 2. November 2025 statt. Die Stichprobe wurde als Klumpenauswahl über Schulen der Sekundarstufe II gezogen und in einem zweistufigen Verfahren nach Sprachregion, Geschlecht, Alter, Kanton und Schultyp gewichtet. Der statistische Stichprobenfehler beträgt ±2,3 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent und einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Ergänzend wurden 56 Lehrpersonen online befragt (1. September bis 15. November 2025).

 

Mehr Informationen zur Studie gibt es im Bericht auf deutsch, französisch und italienisch.

 


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Sophie Schäfer | Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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