Prävention von Grenzverletzungen in der Reformierten Kirche Kanton Luzern

17.03.2026 | Tobias Keller, GFS Bern

Grenzverletzungen erkennen, offen darüber sprechen und wirksame Schutzmechanismen etablieren – das sind zentrale Herausforderungen für Institutionen wie die Reformierte Landeskirche Kanton Luzern, die stark von Vertrauen, Nähe und persönlicher Begegnung geprägt sind. Eine Studie von gfs.bern zeigt, dass die Reformierte Kirche Kanton Luzern grundsätzlich gut positioniert ist, um die Thematik der Prävention von Grenzverletzungen weiter auszubauen.

Die Reformierte Landeskirche Kanton Luzern geniesst bei ihren Mitgliedern einen soliden Ruf. Auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten sie die gesellschaftliche Verantwortung ihrer Kirche mit 6.4 Punkten – leicht über dem Wert von Behörden und Politik, knapp unter dem von Vereinen. Dieses Vertrauen kann helfen, wenn sie sich für die Prävention von Grenzverletzungen einsetzt.

In einem kirchlichen Umfeld, das von Emotionen und persönlichen Beziehungen geprägt ist, können Grenzen überschritten werden. Zum einen ist für eine Mehrheit klar, dass auf emotionale Nähe im kirchlichen Kontext nicht verzichtet werden kann und beurteilen auch positiv, dass kirchliche Mitarbeitende bereits heute professionell mit Nähe, Macht und Emotionalität umgehen, aber zum anderen wünschen sich auch fast alle Mitglieder (83%), dass offen über Grenzverletzungen gesprochen und Schutzmechanismen transparent gemacht werden.

 

Selten – aber schwer einzuschätzen

Grenzverletzungen können körperlich, psychisch, sexuell oder spirituell sein. Insgesamt stufen die Mitglieder sie als eher selten ein. Am häufigsten werden spirituelle Grenzverletzungen genannt, gefolgt von psychischen.

Doch die Zahlen zeigen noch etwas Zweites: Rund die Hälfte der Befragten kann gar nicht einschätzen, wie oft solche Übergriffe vorkommen. Das deutet auf eine Informationslücke hin – und auf ein Bedürfnis nach mehr Orientierung.

 

Risiko steigt hinter verschlossenen Türen

Die Befragten sehen das grösste Risiko dort, wo persönliche Nähe gross und die Öffentlichkeit gering ist. Besonders häufig genannt werden Einzelgespräche hinter geschlossenen Türen, Gespräche über intime Themen wie Sexualität oder Partnerschaft sowie Hausbesuche. Auch Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen gelten als sensibel.

Öffentliche oder klar strukturierte Anlässe – Gottesdienste, Grossveranstaltungen, Gruppengespräche – werden dagegen kaum als risikoreich wahrgenommen.

 

29 Betroffene berichten

4 Prozent der Befragten geben an, selbst eine Grenzverletzung innerhalb der Reformierten Kirche Kanton Luzern erlebt zu haben – 29 von 774 Personen. Die geringe Fallzahl lässt keine vertieften statistischen Auswertungen zu. Dennoch zeichnet sich ein Muster ab.

Es handelt sich meist um psychische Grenzverletzungen: verletzende Aussagen, unangemessene Machtausübung. In der Mehrheit der Fälle ging die Grenzverletzung von einer hierarchisch übergeordneten Person aus. Ein Teil der Betroffenen konnte im Nachhinein darüber sprechen – doch nur eine Minderheit war in der Lage, in der Situation selbst direkt zu reagieren.

 

Breite Unterstützung für konkrete Massnahmen

Die vorgeschlagenen Präventionsmassnahmen stossen auf hohe Zustimmung. Besonders wichtig sind den Mitgliedern klar definierte und zugängliche Meldewege, transparente Abläufe bei gemeldeten Fällen sowie verbindliche Standards für Mitarbeitende.

Auch verpflichtende Schulungen zu Macht, Nähe und Grenzverletzungen sowie eine Sensibilisierung der gesamten Kirchgemeinde werden breit unterstützt. Die Bereitschaft, strukturelle und institutionelle Schutzmechanismen einzuführen, ist gross.

 

Prävention als Auftrag

Die Mehrheit der Mitglieder will beides: neue Schutzmechanismen und die Aufarbeitung der Vergangenheit. 85 Prozent halten es für wichtig, künftig stärker auf Prävention zu setzen. 71 Prozent befürworten gleichzeitig eine Aufarbeitung vergangener Fälle.

Auch auf Ebene der einzelnen Kirchgemeinden besteht ein deutliches Bedürfnis nach mehr Kommunikation und Sensibilisierung. Für viele Mitglieder ist der Umgang mit Grenzverletzungen ein zentrales Zukunftsthema ihrer Kirche.

 

So wurde untersucht

Die Ergebnisse basieren auf einer Online-Befragung von 774 Mitgliedern der Reformierten Kirche Kanton Luzern. Die Stichprobe wurde als geschichtete Zufallsstichprobe nach Alter, Geschlecht und Kirchgemeinde aus der Mitgliederliste gezogen. 4’056 Mitglieder wurden schriftlich zur Teilnahme eingeladen. Die Befragung fand zwischen dem 14. Januar und dem 4. Februar 2026 statt. Der Rücklauf lag bei rund 20 Prozent, der Stichprobenfehler beträgt ±3.4 Prozentpunkte bei einer 50/50-Verteilung und 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

 

Weiterführende Informationen zur Studie finden sich hier im interaktiven Web-Cockpit (nur Deutsch): Link zum Web-Cockpit 

Und hier im Schlussbericht (nur Deutsch): Download Schlussbericht


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Tobias Keller

Tobias Keller

Projektleiter, Mitglied der Geschäftsleitung


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