Individualbesteuerung angenommen

08.03.2026 | Martina Mousson, GFS Bern

Die Mehrheit entscheidet sich für eine Modernisierung des Steuersystems und schafft die Heiratsstrafe ab – trotz Widerstand aus den Kantonen und administrativen Bedenken. Mit 54 Prozent Ja modernisiert die Stimmbevölkerung das Steuersystem und setzt ein Zeichen für Gleichstellung und individuelle Lebensentwürfen, trotz föderaler und administrativer Vorbehalte.

Modernisierung des Steuersystems mit knapper Mehrheit

Die Annahme der Individualbesteuerung markiert eine strukturelle Reform des Schweizer Steuersystems. Mit der Abschaffung der sogenannten Heiratsstrafe wird die Besteuerung stärker auf individuelle Erwerbsbiografien ausgerichtet.

Der Entscheid ist dabei sowohl ein ideologischer Sieg eines politisch progressiven Lagers in Gleichstellungsfragen als auch eine pragmatische Korrektur des bestehenden Systems. Ziel der Reform war es, Erwerbsanreize zu stärken und Zweitverdienende steuerlich nicht länger zu benachteiligen. Damit wird Gleichstellung stärker im Steuersystem verankert. Die knappe Mehrheit zeigt jedoch auch, dass die Reform politisch umstritten blieb.

Die Zustimmung zur Individualbesteuerung zeigt ein klares Sprach- und Stadt-Land-Gefälle. Insgesamt wird die Vorlage vor allem von urbanen und westschweizerischen Regionen getragen, während ländliche Gebiete und Teile der Deutschschweiz zurückhaltender bleiben.

Föderale und politische Widerstände prägen den Konflikt

Der Konflikt verlief politischer, als es die öffentliche Debatte teilweise vermuten liess. Die Abschaffung der Heiratsstrafe überzeugte zunächst viele Stimmberechtigte. Gleichzeitig entstanden jedoch Vorbehalte gegenüber den praktischen Folgen der Reform.

Eine zentrale Rolle spielte der Widerstand der Kantone. Sie warnten vor administrativen Umstellungen, komplexen Übergangsmodellen und möglichen Mindereinnahmen. Der Föderalismus wirkte damit als bremsender Faktor und zeigte zugleich, wie prominent Kantone in nationalen Abstimmungskampagnen auftreten können.

Parteipolitisch formierte sich die Opposition im konservativen Lager primär um die SVP und die Mitte herum.

Kampagne verschiebt Fokus auf konkrete Folgen

Im Verlauf der Kampagne gewann die Gegnerschaft an Zugkraft, indem sie die Debatte stärker auf konkrete Alltagsfolgen lenkte. Besonders wirksam erwiesen sich zwei Argumente.

Erstens wurde der administrative Aufwand thematisiert. Zwei Steuererklärungen pro Ehepaar wurden zum Symbol für mehr Bürokratie und zusätzliche Belastung. Zweitens rückten individuelle steuerliche Konsequenzen in den Vordergrund. Konkrete Rechenbeispiele zeigten, dass die Reform nicht nur Gewinner:innen hervorbringen würde.

Diese Individualisierung der Debatte erhöhte die Verunsicherung – insbesondere im bürgerlichen Lager. Gleichzeitig verstärkten kantonale Warnungen vor Umsetzungsaufwand und möglichen Mindereinnahmen die institutionelle Skepsis.

Dass die Befürwortenden dennoch eine Mehrheit erreichten, zeigt die anhaltende Bedeutung des Gleichstellungs- und Gerechtigkeitsarguments.

Reform mit langfristigen gesellschaftlichen Folgen

Die Annahme der Individualbesteuerung hat langfristige Auswirkungen auf die steuerliche Logik des Systems. Die Besteuerung orientiert sich künftig stärker an individuellen Erwerbsbiografien statt an Haushaltsmodellen. Dies hat auch eine gesellschaftspolitische Dimension. Erwerbsanreize für Zweitverdienende – häufig Frauen – werden gestärkt. In Zeiten von Fachkräftemangel erhält diese Entwicklung zusätzlich eine wirtschaftspolitische Bedeutung.

Politisch bleibt das Resultat ambivalent. Die knappe Mehrheit zeigt, dass strukturelle Reformen mit klaren Gewinner- und Verliererprofilen künftig schwerer durchsetzbar sein könnten. Gleichzeitig bestätigt das Resultat eine schrittweise gesellschaftliche Liberalisierung, die eher pragmatisch als ideologisch erfolgt.

Mit dem Ja haben sich am Abstimmungssonntag Regierung und Parlamentsmehrheit überall durchgesetzt. Das war so nicht zu erwarten. Neu übernehmen die Zentrumsparteien und ganz knapp die FDP die Führung als Partei, die mit ihren Parolen am häufigsten mit der Mehrheitsentscheidung übereinstimmt. Das gibt dem liberal-progressiven Lager mit der neuen FDP-Führung Aufwind. Zu Beginn dieser Legislatur waren es noch SP und Grüne.


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Martina Mousson

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