gfs.echo #08, Braucht die Schweiz neue AKW? WWF-Experte Patrick Hofstetter über Winterstrom, Solar und das Stromnetz

Veröffentlicht am: Dauer:

Wie gross ist die Winterstromlücke wirklich? Was machen Negativpreise mit der Solardebatte? Und wie viel Netzausbau braucht es tatsächlich? In dieser Folge diskutieren Lukas Golder, Jenny Roberts und Patrick Hofstetter über Versorgungssicherheit, politische Fehlanreize und die Frage, warum die Schweizer Energiedebatte oft an den falschen Stellen hitzig wird.
In der Folge erwähnte Studien:

UBS Sorgenbarometer 2025⁠

⁠gfs.bern Monitor Versorgungsicherheit 2025⁠

⁠https://www.gfsbern.ch/de/news/versorgungssicherheit-schweiz-2025/⁠

⁠Bericht zu den Perspektiven der Atomkraft⁠

⁠Politikfolgeabschätzung Schweizerische Energiestiftung

Sprecher
gfs.echo, der Podcast von gfs.bern. Mit Lukas Golder und Jenny Roberts.   

Lukas
Die zweite Staffel zur Energiepolitik. Da haben wir einen ganz grossen Umbau beschlossen. Wo stehen wir da, Jenny?   

Jenny
Ja, also grundsätzlich haben wir ja schon vor einigen Jahren, 2017, hat das Stimmvolk ja gesagt zur Energiestrategie 2050, also Erneuerbare werden da sicher eine grosse Rolle spielen in der Zukunft, aber ich habe dennoch den Eindruck, viele Projekte bei den Erneuerbaren, von denen man in den Medien liest, ja, habe ich den Eindruck, dass es dort ein bisschen staut tatsächlich.   

Lukas
Wir haben den WWF-Experten für Energie- und Klimapolitik zu Gast. Herzlich willkommen, Patrick Hofstetter.   

Patrick
Guten Tag miteinander.   

Lukas
Vor ungefähr zehn Jahren ist der Ausstieg in die Strategie eingezimmert worden. Heute und in zehn Jahren, wenn man das mit einem Ampelsystem zusammenfassen möchte, wo stehen wir, wenn rot, orange, grün, wo waren wir vor zehn Jahren mit diesem Umbau in der Schweiz, mit der Energiepolitik, der Energieumbau in Richtung erneuerbar, wo stehen wir heute und wo stehen wir in zehn Jahren? Wie ist die Farbe?   

Patrick
Ja, die Farbe ist wahrscheinlich, wenn wir die letzten zehn Jahre anschauen, recht grün. Wenn wir hingegen nach vorne schauen, dann ist sie im besten Fall orange. Das heisst, es ist noch sehr ungewiss, wie gut wir die Ziele, die wir uns neu gesetzt haben, auch erreichen können. Aber das Legacy, was wir jetzt gemacht haben in den letzten zehn Jahren, das ist bereits gewaltig. Wir haben im Strombereich ein AKW Mühleberg stillgelegt und längst ersetzt durch neue Kapazitäten. Wir sind in wenigen Jahren auch dran, Betznau, das wir ja erst Anfang der 30er-Jahre abschalten wollen, bereits ersetzt zu haben. Die letzten zwei Winter haben wir mehr Strom exportiert als importiert. Obwohl man ja immer sagt, wir hätten ein Winterstromproblem. Das heisst, im Moment wächst die Stromproduktion stärker als der Verbrauch. Das ist aber dann auch wieder eine schlechte Nachricht. Das heisst, beim Ersatz von Öl- und Gasheizungen mit Wärmepumpen, die dann Strom brauchen, das läuft im Moment recht harzig seit zwei Jahren. Das hat im Zusammenhang mit der Putin-Invasion einen riesigen Boom gegeben, ist dann jetzt aber wieder zurückgekommen. Ähnlich auch bei der Elektromobilität. Und das Ziel der Energiewende ist ja nicht die Energiewende in sich. Das hat keinen Wert in sich, sondern es geht eben darum, Öl, Gas, Benzin und Diesel zu ersetzen mit erneuerbaren Energien.   

Jenny
Du sagst, rückblickend sind wir doch eher im grünen Bereich, ab jetzt im besten Fall orange. Ein Thema, welches auch aus der Bevölkerungssicht sehr wichtig ist, ist, dass viele Leute das Gefühl haben, das gehe aktuell nicht genug schnell vorwärts mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Und es gibt auch aktuelle Mehrheiten in der Stimmbevölkerung, die sich auch vorstellen können, dass man die Beschwerdemöglichkeiten, die es gibt bei verschiedenen Projekten, bei den Erneuerbaren, einschränken kann, damit es auch schneller geht. Wie stehst du dazu? Müsste man da vielleicht Prozesse verkürzen in Zukunft?   

Patrick
Die mediale Aufmerksamkeit auf die Verzögerungen ist natürlich stark überhöht. Das hat verschiedenste Gründe. Einerseits, weil wir jetzt gerade im Parlament eine Vorlage abgeschlossen haben, wo es um die Beschleunigung dieser Bewilligungsprozesse geht. Das heisst, wo es genau um das ging, dass man dann ein bisschen Öl ins Getriebe schütten muss, damit die Energiewende schneller laufen kann. Das hat man erfolgreich abgeschlossen, auch ohne Referendum. Das heisst, es gibt nicht noch einmal eine Volksabstimmung, sondern da werden die Verordnungen im Moment erarbeitet. Ein analoges Projekt ist jetzt im Parlament zur Netzerneuerung der Stromnetze, damit wir ein gutes Stromnetz haben, ein modernes Stromnetz, mit dem der Strom auch transportiert werden kann. Und weil diese Themen im Parlament sehr wichtig waren, hatte man ein mediales Gefühl. Wir hätten hier eine riesige Baustelle. Die Realität ist ein bisschen anders. Es läuft sehr gut, so gut, dass es auch ganz viele eher traditionelle Energieversorgungsunternehmen hat, wo das zu gut läuft, die auch ein bisschen überfordert sind mit dem Wechsel von zentraler Stromerzeugung hin zu dieser dezentralen Stromerzeugung mit vor allem der Solarenergie, die auf jedem Haus produziert werden kann und wo man da eigentlich am liebsten hätte, man wäre noch ein bisschen in der alten Welt, der Strom von der BKW oder der AXPO kommt und man selber nur den Strom weiterverkaufen muss und sich neu mit eigenen Stromproduzenten im Dorf umschlägt, das ist eigentlich Neuland und überfordert tatsächlich viel vom Stromgewerbe.   

Lukas
Die Gewichte verschieben sich, aber ich glaube auch, wie ich es wahrnehme, eure Rolle, Zivilgesellschaft, Klimaallianz, die beschlossen hat, kein Referendum zu ergreifen, dort quasi die Rolle, die man ihnen anspricht, dass sie das oft mit Einsprache blockieren und dass das Widerspruch ist, da ein bisschen aus dem herauszugehen. Hat man eine neue Art, wie man mit den verschiedenen Stakeholdern und Interessen umgehen kann, gefunden?   

Patrick
Das ist eigentlich der Sinn, dass es das Verbandsbeschwerderecht gibt. Das ist ja, wenn die Natur selber keine Stimme hat und nicht einklagen kann, wenn ein Projekt stark schädigt, ein Recht, das diverse Umwelt- und Nichtregierungsorganisationen haben. Das ist: Wenn man zehn Jahre auf dem Thema schweizweit arbeitet, dann bekommt man das Recht, im Namen der Natur die Gesetzeseinhaltung einzuklagen. Das machen wir schon sehr lange. Das langjährige Monitoring zeigt, dass es sehr selten solche Beschwerden gibt seitens des Umweltverbands. Wenn es sie gibt, werden sie zwei Drittel der Fälle gut geheissen. Das heisst, man stellt tatsächlich fest, dass der Kanton oder die Gemeinde, die die Bewilligung wollte, gesetzeswidrig gehandelt hätte. Das heisst, dass es wirklich auch nötig war, dass man diese Beschwerden gemacht hat. Aber die Energiewende wird nicht ausgebremst durch die Umweltorganisationen, sondern natürlich tatsächlich durch auch sehr viele private Beschwerden, die gemacht werden, die dann vor allem die Projekte sehr stark verzögern. Das kann manchmal zu einem Projektabbruch führen, sehr oft aber einfach zu einer unerwünschten Verzögerung. Das sehen wir vor allem bei den grösseren Projekten, Wind-, Wasserkraftprojekten. Wir sehen es praktisch nicht bei Solarprojekten.   

Lukas
Und in dieser Diskussion und neuen Verschiebungen der Akteure kommt jetzt der Bundesrat, vertreten v.a. durch den Energieminister, und fordert die Diskussion über neue Kernkraft in der Schweiz. Also quasi eine Gesetzesänderung, die die Energiestrategie neu angehen soll. Und dort spricht er von Small Modular Reactors, also quasi wie bausteinartige kleine sichere Reaktoren, die sozusagen von einer neuen Generation kommen sollen, die quasi den verzögerten Umbau Richtung Erneuerbare jetzt beschleunigen soll. Aber so wie ich dich verstehe, das ist genau das orange Licht, das du siehst. Diese Diskussion passt euch nicht.   

Patrick
Genau, sie bringt Verunsicherung. Sie absorbiert ganz viele Fachkräfte davon, sich für die Energiewende einzusetzen und stattdessen über irgendwelche Fragen nachzudenken, die so nicht real sind. Es ist für mich persönlich auch eine sehr unangenehme Diskussion. Ich habe ein Déjà-vu, ein «Und täglich grüsst das Murmeltier». Ich habe Ende 80er-Jahre an der ETH Maschinenbau studiert, wo wir natürlich auch Nukleartechnik hatten. Und genau das gleiche Konzept, das man damals schon präsentiert hat, als die Zukunft, die man auch heute als «die Zukunft» präsentiert. Und gerade wenn jetzt die «Small Modular Reactors», die «Klein-AKWs-Diskussion» angeschaut wird, löst das praktisch kein Problem. Sie sind auch nicht wirklich klein, sie haben so die Grösse von Mühleberg, damit man das richtig einordnen kann, sie produzieren auch viel Abfall und sie sind wahnsinnig teuer im Moment noch, falls dann diese kommen sollten. Das heisst, es ist nicht etwas, auf das die Schweiz setzen könnte. Es ist nicht etwas, das man auf den Tag X bestellen kann. Das heisst, es ist ein Phantom, dem wir hinterherjagen.   

Jenny
Du hast ja schon angesprochen, Lukas, es ist eine relativ neue Diskussion, die jetzt wieder hochkommt mit dieser sogenannten neuen Kernkraft in der Stimmbevölkerung selbst. Ist es aktuell so, dass... Eine knappe Mehrheit ist doch dafür, dass man zumindest über das nachdenkt, über die neue Generation von Reaktoren. Ein Grund, der da sicher mit hineinspielt, ist, dass viele Leute oder die Stimmbevölkerung gespalten darüber sind, ob man im Winter zu wenig Strom hat. Das hast du vorhin auch kurz angesprochen. Wie ist das einzuschätzen? Braucht es keine Kernkraft, um die Winterlücke zu decken oder wie könnte man das alternativ machen?   

Patrick
Seit Fukushima werden laufend Studien gemacht, wo man sich genau dieser Frage stellt. In dem Sinne, wie soll das gehen? Gibt es da Möglichkeiten, ein 100% erneuerbares Energiesystem zu bauen? Das macht man nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Im Ausland sind die Untersuchungen besonders spannend, weil praktisch jedes andere Land viel anspruchsvollere Bedingungen hat, weil sie nicht das Rückgrat haben, das wir haben, nämlich die Wasserkraft. Mit der Wasserkraft haben wir Speicherkraftwerke, die, wenn alle anderen Kraftwerke nicht laufen würden, uns rund sechs Wochen lang versorgen können. Das heisst, wir haben einen riesigen Speicher, der uns über den Winter helfen kann, der dann, wenn die Sonne nicht scheint, den Wind nicht bläst, unterstützen kann. Das heisst, die Schweiz ist eines der letzten Länder, die sich Sorgen machen müssen darüber, wie man ein hundertprozentig erneuerbares System betreibt. Das sind einfach die anderen Länder. Und das führt auch dazu, dass die Innovation viel stärker in den anderen Ländern auch läuft. Man ist schon viel weiter. Zum Beispiel in Dänemark hat man riesige Wärmespeicher, die man im Sommer füllt und im Winter dann braucht für die Fernwärmenetzwerke, die sie haben. Das ist eine Diskussion, die jetzt in der Schweiz auch anfängt. Und man merkt, aha, so könnte man tatsächlich den Sommerstromüberschuss in den Winter übernehmen, gespeichert in warmem Wasser, das man im Untergrund lagert. Das sind alles Konzepte, die die anderen Länder, die wirklich ein Problem haben mit entsprechenden Überschusssituationen und Mangelsituationen, die dort entwickelt werden. Darum kann die Schweiz in diesem Sinne sehr optimistisch in die Zukunft schauen, was diese Herausforderungen angehen. Dass das im Moment nicht oder noch nicht ankommt in der Bevölkerung, ist klar. Über das spricht man wenig medial. Es ist auch für die Energiethemen so stark, wie wir uns dafür interessieren, interessieren sich nur relativ wenige Leute. Das heisst, für viele ist es sehr angenehm, wenn man das eigentlich nicht sieht. Eben am liebsten irgendwo in Gösgen oder in Leibstadt stattfindet, am liebsten künftig ohne noch die Dampfschwaden, damit man gar nichts sieht. Das ist klar, das ist die Idealsituation für jemanden, der nicht ganz so interessiert ist an Energiethemen, dass das dort läuft. Und das Versprechen im Moment des Bundesrates Rösti und anderen ist, dass vielleicht so eine Situation wieder entstehen könnte. Nur dieses Versprechen ist unehrlich aus meiner Sicht.   

Lukas
Die Kernkraft wird traditionell recht ambivalent diskutiert und auch beurteilt. Man hat z.B. ein Moratorium in den 1990er-Jahren mit einer Mehrheit beschlossen. Es gab immer diese beiden Seiten in der Bevölkerung. Die Ambivalenz ist aber, glaube ich, auch aus eurer Sicht gegeben, mit der Nachhaltigkeit, die so ein bisschen halbwegs ist. Mit der Klimasituation kann man sagen, ist es jetzt nicht der schlimmste Energieträger, aber sonst gibt es schon viele Kritikpunkte von eurer Seite.   

Patrick
Ja, also der Abbau des Urans ist meistens in Ländern, wo weniger Rücksicht genommen wird auf die Leute, die dort wohnen. Dann die Unfallrisiken, die Entsorgungsproblematik, die bleiben nach wie vor. Und dann natürlich ganz klar, jetzt sehr aktuell wieder, die ganzen Proliferationsrisiken. Man muss auch ein bisschen schauen, welche Länder sehr stark auf Nuklear setzen. Das sind eben auch die, die entweder schon einen entsprechenden Atomwaffenpark haben oder auch solche Waffen liefern, verkaufen wollen. Das heisst, da muss man ein wenig sehen, da wird sehr oft auch eine Mischrechnung gemacht, dass man die unwirtschaftlichen Kernkraftwerke mit nationalen Sicherheitsinteressen und auch kriegerischen Interessen kombiniert. Und so geht dann die Rechnung für solche Länder am Schluss auf. Weil die Schweiz, glaube ich, nach wie vor nicht vorhat, Atomwaffen zu bauen, haben wir eigentlich den Zusatznutzen nicht, den andere Länder haben. Und darum ist es einfach rein wirtschaftlich ein Wahnsinn, in der Schweiz über neue Atomkraftwerke nachzudenken.   

Lukas
Das klingt am Anfang schon an, wegen der Abfallproblematik. Dort ist der Eindruck, dass man die Diskussion bei der Abfallentsorgung von nuklearen Abfällen in der Schweiz wirklich weitergebracht hat? Oder wie ist der Stand aus deiner Sicht jetzt rein auf die Schweiz bezogen?   

Patrick
Es ist so, dass es im Moment einen einzigen Standort gibt, wo es halbwegs weitergeht: Nördlich Lägern bei Stadel im Kanton Zürich, wo einige Schritte gemacht werden konnten in den vergangenen Jahren. Da ist man noch sehr weit weg von den Lagern. Man weiss auch noch nicht recht, wie gross das sein müsste. Das ist von der Dimensionierung her immer eigentlich für die bestehenden AKWs gedacht gewesen, die man dann schon bald abschaltet. Das heisst, ein entsprechender Abfall von neuen Atomkraftwerken wäre dann nicht eingeplant. Da müsste man wieder eine Neuplanung machen, müsste allenfalls einen zweiten Standort suchen und finden und Akzeptanz kriegen. Das heisst, die ganze Entsorgungsfrage ist nach wie vor nicht gelöst. Auch weltweit gesehen gibt es da ganz wenige Beispiele, wo man anfängt, in diese Richtung zu gehen. Ich glaube, Finnland ist diesbezüglich führend. Aber auch in den USA lagert das Zeug, das mehr oder weniger operiert ist, in desolaten Zuständen. Eine ganz grosse Baustelle, die die Atomindustrie noch zu lösen hat.   

Lukas
In der Vergangenheit ist es wirklich so gewesen, dass sobald man quasi die Katze aus dem Sack gelassen hat und gesagt hat, da ist der Widerstand extrem stark geworden. Also quasi sobald es sehr konkret in der Nähe kam, ist dann auch die Bevölkerung aufgewacht sozusagen und hat gesagt, sicher nicht bei uns. Und dieses Phänomen kennen wir, das heisst «not in my backyard», nicht in meinem Garten, «Nimby-Phänomen». Und das beobachtet ihr in den Kantonen bei der Umsetzung der Energiestrategie sehr stark. Die Gegnerschaft sagt zum Beispiel, es gibt eine Art Zwang zum Heizungsersatz. Du hast gesagt, da stockt ja der Umbau auch ein bisschen. Das Phänomen ist auch bei der ganzen Geschichte der Umsetzung der Strategie ein riesiges Problem. Oder siehst du es anders?   

Patrick
Wenn wir beim Nuklearlager sind, bei den Atomabfällen, spielt es eine grosse Rolle, mit welchem Versprechen man auch an die Bevölkerung geht. Ob es darum geht, eine Altlast zu erledigen, wo man sich mit dem damaligen Entscheid, die fünf AKW-Blöcke zu bauen, einfach hat. Und wenn man die dann ordentlich ab- und rückbauen und die radioaktiven Materialien langfristig einlagern, braucht es einen Ort und dann muss sich irgendjemand opfern. Oder ob das weitergeht, ob neue AKWs gebaut werden sollen, wo dann sofort das nächste Problem wieder entsteht. Ich glaube, das ist ein schlechtes Verkaufsargument für ein Tiefenlager, wenn man weiss, aha, dann kommt noch mehr. Das ist ein Fass ohne Boden. Das ist die Situation beim Installieren von Wärmepumpen, weil man die alte Öl- und Gasheizung nicht mehr 1 zu 1 mit Öl und Gas ersetzen kann. Dort sind wir natürlich in einer Lernkurve. Das heisst, jeder muss die Erfahrung haben, wie angenehm eine Wärmepumpe sein kann. Selbst wenn man die Möglichkeit nicht hat, die Wärme aus dem Boden zu nehmen mit einer Erdsonde, mit Aussenluft, sind die heutigen Modelle so ruhig, dass das nicht eine grosse Lärmbelastung ist, weder für einen selber noch für die Nachbarn. Das heisst, da bin ich in dem Sinne zuversichtlich, dass wir das schon hinkriegen, weil eigentlich der Eigennutz enorm ist. Es ist das günstigste Heizsystem. Man muss nicht jedes Jahr abmachen, dass das Heizöl geliefert wird. Das stinkt nicht. Man hat keinen Tank, den man warten muss. Alle zehn Jahre und, und, und. Man hat keinen Kaminfeger, der ein- bis zweimal pro Jahr vorbeikommen muss. Das heisst, es gibt ganz viele Vorteile dieser neuen Technologie und das sind normalerweise gute Gründe, warum man sich so eine Technologie dann eben doch durchsetzt, auch wenn man noch ein bisschen am Alten hängt.   

Jenny
Die Nimby-Problematik betrifft ja auch verschiedene Ausbaupläne, die man hat, jetzt bei der Solarenergie oder Windkraft, also das ist auch ein grosses Thema. Und dort kommt noch ein Aspekt dazu vom Landschaftsschutz. Also da wissen wir auch aus unserer Versorgungssicherheitsbefragung beispielsweise, dass es eine Mehrheit gibt in der Stimmbevölkerung, die halt nicht möchte, auch wenn die Erneuerbaren wichtig sind, dass man die Naturflächen in der Schweiz und die Landschaft, dass man das, ja vielleicht ein bisschen polemisch ausgedrückt, verschandelt für die Energieversorgung. Da würde es mich sehr wundern aus deiner Erfahrung, was hast du das Gefühl, wie muss man am besten mit dieser guten Abwägung umgehen zwischen Landschaftsschutz einerseits und natürlich auch die Versorgungssicherheit und die Energiewende andererseits.   

Patrick
Ich bin froh, dass du das beim Namen nennst. Die grossen Kämpfe gegen die Windenergie, das ist primär wegen des Landschaftsbildes. Die Verbände, die sich sehr stark gegen Windkraft engagieren, listen zwar noch 100'000 andere Gründe auf, wieso Windkraft des Teufels ist, aber die sind alle eigentlich nicht wirklich stichhaltig oder relevant, sondern denen geht es um ein aus ihrer Sicht intaktes Landschaftsbild. Was kann da helfen? Es ist selbstverständlich einerseits, dass es ein paar dieser Pärke gibt und die Leute sich selbst ein Bild davon machen können. Das ist immer wichtig, das kann die Akzeptanz steigern. Und das andere ist ganz klar, ich meine, das ist eine lokale Energieproduktion, da wird neue Produktion ins Dorf geholt und da muss man das Dorf oder je nachdem auch die Bürgerinnen und Bürger beteiligen. Das heisst, das muss etwas werden, wo man miteinander auch Votum macht und wo man auch ein bisschen Geld damit verteilen darf. Das heisst, es ist nicht sinnvoll, dass irgendeine Windenergiefirma aus XY kommt und sagt, übrigens stellen wir unseren Windpark hin, seid ihr auch einverstanden, sondern da muss man tatsächlich mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeiten, wenn man das mehrheitsfähig machen will.   

Lukas
Lokal produzieren, das haben viele auch eine neue Rolle gefunden, indem sie selber auf dem eigenen Dach mit Solarpanels arbeiten. Das passiert, der Umgang ist im Gange, aber er ist im Moment ein bisschen am Stocken. Der Preis ist ein bisschen zusammengefallen. Dort siehst du auch neue Probleme kommen oder die Investitionen gehen, glaube ich, auch zurück im Moment. Oder ist dort auf lange Frist aus eurer Sicht keine Problematik im Spiel?   

Patrick
Es ist eine mehrfache Problematik im Spiel. Einerseits natürlich, dass jetzt diese 10% der Besitzerinnen und Besitzer, die schon immer eine Solaranlage gerne hätten wollen, die haben sie mittlerweile auf dem Dach. Das heisst, jetzt kommen langsam die Gebäude zum Zug, wo vielleicht der Besitzer nicht ein wahnsinniges Eigeninteresse an der Energieerzeugung hat. Das heisst, man muss überzeugt werden. Und bei diesem Überzeugtwerden ist es natürlich ganz schädlich, wenn man in der Zeitung ständig liest, dass sich Solar nicht mehr lohnt, weil eben der Strommarktpreis natürlich wieder tiefer geworden ist. Zum Glück ist er ja tiefer geworden, nachdem sich die Strommangellage in Europa normalisiert hat. Aber wichtig zu wissen ist im Gesetz, im Energiegesetz, wo wir letztes Jahr alle Ja gesagt haben. Dort steht klipp und klar, dass der Bund dafür sorgt, dass gut geplante Solaranlagen an einem geeigneten Ort sich amortisieren lassen. Das heisst, man hat die Absicherung, es gibt Minimalvergütungen auch für das, was man bekommt. Das heisst, Solar lohnt sich und das ist die wichtige Nachricht, die gesendet werden muss. Das ist matchentscheidend und im Moment sind sehr viele verunsichert, weil sie denken, das ist gar nicht so. Da redet man in den Medien von Negativpreisen. Das heisst, man muss sich am Schluss noch etwas wenn ich eine Solaranlage habe, dass ich sie überhaupt ans Netz anschliessen darf. Und, und, und. Da gibt es grosse Verunsicherung und die müssen wir überwinden, damit dann eben die, die vielleicht weniger intrinsisch motiviert sind, eine Solaranlage auf dem Dach, dass die sagen, okay, das ist wirtschaftlich im Case, das machen wir. Es gibt ganz viele tolle neue Instrumente auch im neuen Gesetz, indem man den Strom im Quartier oder sogar im Dorf direkt weiterverkaufen kann, dass man keine oder verminderte Netztarife zahlt für das. Also der Gesetzgeber hat eigentlich vorgesorgt, er hat ein sehr gutes Umfeld. Und darum meine Nachricht an alle Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer. Go for it! Machen Sie Ihre Solaranlage, planen Sie sie. Dank dieser schwierigen Situation sind auch die Preise wieder stark runtergekommen. Das heisst, es ist wieder viel attraktiver geworden, die jetzt zu bauen.   

Jenny
Ein anderer Punkt, vielleicht noch zu den Kosten, jetzt mehr aus der Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten. Drei Viertel der Stimmberechtigten betonen, dass es ihnen sehr wichtig ist, dass die Preise des Stroms sich aufgrund des Ausbaus der Erneuerbaren nicht stark verteuern dürfen. Kannst du dazu eine Einschätzung geben? Kannst du der Bevölkerung in diesem Punkt die Angst nehmen? Oder müsste man wirklich damit rechnen, dass es auch teurer werden könnte?   

Patrick
Das ist auch ein grosses Anliegen von uns, weil, wie ich gesagt habe, die Energiewende ist nicht ein Selbstzweck, sondern es geht darum, Öl, Gas, Benzin und Diesel wegzubringen. Und damit man die wegbringt, muss Strom günstig sein. Er muss nicht nur sauber, sondern auch günstig sein, weil dann wird es ökonomisch interessant, die Substitution durch Elektroautos, Wärmepumpen fürs Heizen, aber auch in der Industrie tatsächlich umzusetzen. Mit teurem Strom rechnet jeder und wird dann vielleicht die Investition rauszögern, wenn es sich nicht rechnet. Das heisst, es ist wichtig, dass der Strom günstig ist. Und darum ist jetzt zum Beispiel der WWF sehr aktiv daran zu verhindern, dass der Bundesrat Rösti seine überteuerten und unnötigen neuen Reservekraftwerke baut. Die allein würde den Strompreis wieder fast um den Rappen verteuern. Das sind Reservekraftwerke, die wir so eigentlich nicht brauchen. Die Stromüberwachungsbehörde ElCom sagt jeweils, wie viel Reserveleistung wir im Hintergrund haben müssen, um eine sichere Stromversorgung zu garantieren. Da haben wir bereits ganz viele Kapazitäten. Wir haben eine Wasserreserve, die gehalten wird. Wir haben unglaublich viele Notstromaggregate in der Schweiz, die jedes Jahr noch stark zunehmen, weil wir viele Rechenzentren neu gebaut haben. Und bei jedem Rechenzentrum gibt es auch wieder viele grosse Notstromaggregate. Und gerade auch im Jahr 2025 hat das Parlament auch noch entschieden, dass es eine sogenannte Verbrauchsreserve geben soll. Das heisst, dass Firmen, die den Strom knapp und eher teuer haben, den nicht verwenden wollen, dass sie den Strom in die Reserve geben können. Und auch das stärkt natürlich die Versorgungssicherheit massiv. Das heisst, wir müssen gescheit umgehen mit dem Geld, damit der Strom günstig bleibt und darum können wir uns unnötige Kapriolen, die der Bundesrat da leisten will.   

Lukas
Ein anderer Grund, neben der bundesrätlichen Orientierung, die im Moment Kritik auslöst bei euch, ist letztlich auch das Rückgrat, nämlich das Netz. Dort ist noch viel nötig, du hattest auch angetönt, die kleinen Betreiber, Energieanbieter, sind dort noch vielleicht zum Teil traditionell orientiert. In ein paar Worten. Wo liegt dort der Hase begraben?   

Patrick
Bei der Netzdiskussion ist es wichtig, weil wir auf der Höchstspannungsebene eher ein Altsnetz haben, das erneuert werden muss. Darum wird im Parlament ein Beschleunigungserlass diskutiert, wie man eine schnellere Planung machen kann, um die bestehenden Leitungen zu ersetzen durch neue Leitungen. Wir haben aber auch eine Netzsituation auf Ebene Gemeinden und Quartier, weil wenn tatsächlich auf jedem Dach eine Solaranlage künftig ist, dann wird da sehr viel eingespeist in das Netz und nicht alle Netze sind heutzutage bereits fähig, den Strom aufzunehmen. Aber da machen wir uns vielleicht auch zum Teil etwas falsche Vorstellungen. In diesem Moment, an einem tollen Juni-Tag, über den Mittag, vielleicht sogar noch am Wochenende, wo wir sehr viel Solarstromproduktion haben, relativ wenig Abnehmer haben. Das ist vermutlich nicht der Moment, in dem es sich lohnt, den Solarstrom über alle Netzebenen auf die Hochspannungsebene zu bringen, um festzustellen, aha, alle anderen haben diese Situation auch. Auch die Nachbarländer haben diese Situation. Das heisst, wir können sie auch nicht exportieren. Das heisst, wir müssen das Netz nicht auf den Maximalproduktionsfall ausbauen, sondern viel tiefer. Wie schafft man das? Indem man natürlich neue Verbraucher schafft. Zum Beispiel, dass man entsprechend Wasserstoff produziert in solchen Zeiten im Sommer. Aber auch sehr stark, indem man den Mittagspeak mit Batterien verhindert. Batterien haben wir sowieso in allen Elektroautos. Heutzutage werden aber auch über 90% der Solaranlagen bereits mit Batterie bestellt und eingebaut. Das heisst, eine Solaranlage bedeutet heutzutage nicht mehr so ein typisches Solarprofil, sondern liefert täglich 24 Stunden am Tag Solarstrom für den Verbraucher. Und all das hilft massiv, dass sich diese Netzsituation nicht ganz so zuspitzen wird, wie eben gewisse Netzbetreiber heutzutage beklagen, weil sie schlichtweg tatsächlich überfordert sind mit dieser neuen Situation.   

Lukas
Es gibt eine riesige Veränderung auf den Einzelnen. Jeder Einzelne von uns kann neuer Produzent, neue Produzentin werden. Und du hast gesagt, jetzt ist im Moment die Regulierungssituation ein bisschen orange, aber wir haben auch viel gesehen, wo dieser Umbau eben doch am Laufen ist und viele Argumente gehört, was man beschleunigen könnte bei diesem Umbau, der ja auch von der Umweltallianz her unterstützt wird. Herzlichen Dank für den Besuch. Wir sind gespannt, wie es weitergeht. Patrick Hofstetter. Bei dir, Jenny, hat sich die Ungewissheit etwas gelöst. Du konntest vielleicht sogar etwas Zuversicht gewinnen.   

Jenny
Durchaus, was dieses Beschleunigungsverfahren etc. anbelangt. Wir haben verschiedene Argumente gehört, warum es funktionieren sollte mit den Erneuerbaren, wenn man da genügend schnell Fortschritte macht. Und vielleicht auch bei der Kernkraftdiskussion. Das ist natürlich noch ein spannender Punkt, wie es dort ausgehen wird. Wo ich mir mehr Sorgen mache, ist tatsächlich weiterhin die NIMBY-Problematik. Ich denke, das wird auch in Zukunft noch sicher ein Thema bleiben.   

Lukas
Für mich habe ich mitgenommen, dass Kernkraft bei den öffentlichen Meinungen Reibung erzeugt. Schon immer eigentlich, seit ich mich um Politik interessiere. Aber diese Reibung kann natürlich auch andere Nebeneffekte haben. Nicht nur bei den öffentlichen Meinungen, sondern auch bei den Investitionen. Das habe ich heute auch ein bisschen verstanden. Da muss man auch ein bisschen vorsichtig sein, wenn man das begrüsst.   

Jenny
Ich bin sehr gespannt, wie die Diskussion ausgehen wird. Wer es genauer wissen möchte, alle Details zu der genannten Studie findet ihr unten in der Beschreibung.  

Kontakt
Online-Kontakt

E-Mail:

Kontaktformular: öffnen

Adresse

gfs.bern
Effingerstrasse 14
3011 Bern

Telefon

Bürozeiten

Montag bis Freitag
08:00 – 12:00 h
13:00 – 17:00 h

Newsletter
Jetzt Newsletter abonnieren

Erhalten Sie spannende Einblicke in aktuelle Studien, Analysen und in die Arbeit von gfs.bern – kompakt und direkt in Ihr Postfach.