gfs.echo #07, Energieversorgung im Stresstest: Winterstrom, Solarboom und Kernenergie – mit Bundesrat Albert Rösti

Veröffentlicht am: Dauer:

Mehr Solarstrom, steigender Strombedarf und die Frage, wie die Schweiz im Winter genügend Energie bereitstellen kann: Die Energiepolitik steht vor grundlegenden Herausforderungen. Bundesrat Albert Rösti spricht über negative Strompreise, den Ausbau der erneuerbaren Energien, mögliche Engpässe im Winter und die Rolle von Kernernergie in der zukünftigen Stromversorgung. In der Folge erwähnte Studien:

UBS Sorgenbarometer 2025⁠

⁠gfs.bern Monitor Versorgungsicherheit 2025⁠

 

⁠Bericht zu den Perspektiven der Atomkraft⁠

⁠Politikfolgeabschätzung Schweizerische Energiestiftung

 

– Sprecher
gfs.echo, der Podcast von gfs.bern. Mit Lukas Golder und Jenny Roberts.

– Lukas
Die neue Staffel gfs.echo, jetzt geht es um die Energie, jetzt geht es um das Ganze, mindestens um die Energieversorgung. Dort, Jenny, haben wir viele verschiedene Entscheidungen erlebt. Wir hatten die Energiestrategie 2050, wir hatten zuletzt mehrmals über den Pfad Richtung mehr Erneuerbare abgestimmt. Wie ist dein Eindruck? Gehen die Leute davon aus, dass die Stromversorgung sicher ist in der Schweiz in zehn Jahren? Oder sind wir da noch nicht so richtig sicher?

– Jenny
Ja, also da gehen die Meinungen der Stimmberechtigten tatsächlich recht auseinander. Es gibt ungefähr eine Hälfte der Stimmbevölkerung, die eher pessimistisch unterwegs ist, sich zu diesem Thema Sorgen macht. Circa die andere Hälfte sieht das ein bisschen lockerer. Aber was man sicher sagen kann, ist, dass das Thema Versorgungssicherheit sehr hohe Priorität hat. Also bei 45 Prozent der Stimmbevölkerung ist das wirklich die höchste Priorität im Thema Energie- und Stromversorgung.

– Lukas
Dann schauen wir mit der Person, die politisch die höchste Verantwortung in diesem Energiebereich hat. Herr Bundesrat Albert Rösti, herzlich willkommen bei uns im Podcast.

– Bundesrat Rösti
Danke für die Einladung, ich bin gerne hier.

– Lukas
Ja, jetzt haben wir eben gesehen, dass eigentlich so ein bisschen Unsicherheit schon auch da ist, aber wenn man ein bisschen genauer hinschaut, dann kommt sehr schnell das Stichwort Winterstromlücke auf. Wir laufen dort potenziell, selbst mit dem Umbau, der jetzt vorangeht, wo man auch die Weichen national gestellt hat, laufen wir dort in einen Engpass, den vielleicht die Leute ein bisschen unterschätzen. Oder haben wir ein Problem, das wir noch nicht richtig verstehen?

– Bundesrat Rösti
Ich würde sagen, das Problem ist verstanden, aber die Lösung zu finden, ist sehr schwierig. Also das ist sicher die grösste Herausforderung: die Versorgungssicherheit im Winter. Vor allem gegen Ende des Winters, also Februar, März. Dann sind die Speicherseen langsam geleert. Dann noch genügend Strom zu haben, das ist eine grosse Herausforderung. Es gibt noch nirgends eine Patentlösung, überschüssigen Sommerstrom, namentlich von den Solaranlagen, in den Winter zu transportieren. Jetzt ist es schon so: Die Solaranlagen geben zum Teil auch im Winter Strom, ein Viertel bis ein Drittel. Die, die einen Speicher haben, noch besser. Dann können sie auch noch, wenn es schneit, von diesem Strom nutzen. Aber die grosse Menge an Bandstrom fehlt natürlich im Winter. Vor allem, wenn wir je länger je mehr Strom brauchen. Weil wir dekarbonisieren, aus der fossilen Energie aussteigen. Darum ist der Zubau von Winterstrom absolut prioritär. Das ist in meinem Departement das Wichtigste, ich werbe fast täglich dafür. Winterstrom ist vor allem Wasserkraft, mehr Speicherkraftwerke, damit man in Zeiten von Stromüberschuss Wasser hochpumpen kann, damit man dann eben diese Reserven hat. Windanlagen haben es sehr schwer in der Schweiz, aber würden auch mehr Winterstrom geben. Und tatsächlich läuft dieser Zubau deutlich zu langsam.

– Lukas
Also eben, beim Wind haben wir den Widerstand, wir haben Initiativen, dort haben wir die Hürden, wo die Akzeptanz häufig ein Thema ist. Und wir sprechen natürlich auch noch vom Atomausstieg. Dort fallen nachher, je nachdem, wenn die Abschaltungen kommen, doch mehrere Terawattstunden, die eben dann gleich im Winter besonders fehlen, weg. Das heisst, wenn ich Ihnen richtig zuhöre, man muss sich mehr Sorgen machen und nicht weniger, als das im Moment im Sorgenbarometer zum Ausdruck kommt.

– Bundesrat Rösti
Ja gut, ich werde die Leute nicht aufscheuchen. Im Moment muss man sich … Ja gut, im Zusammenhang mit den ganzen weltweiten Ereignissen ist mehr die Frage Gas- und Öl-Lieferungen. Die Strasse von Hormus kann natürlich die gesamten Weltmärkte jetzt verrückt machen. Das ist, glaube ich, ein anderes Thema. Aber wenn man sich jetzt den Schweizer Strommarkt anschaut, muss man sich nicht unmittelbar Sorgen machen, weil der Bundesrat und das Parlament hier vorgesorgt haben, indem man in sogenannte Reservenkraftwerke investiert hat. Das heisst, dass, wenn man mal nicht genug Strom importieren könnte, weil es zu wenig hat, dass man diese Reservenkraftwerke – das sind eigentlich Ölkraftwerke oder Gaskraftwerke – anlässt und dann kurzfristig mit einer Leistung eines früheren Mühlebergs oder Betznau, Strom liefern könnte. Aber die grosse Herausforderung ist, in den nächsten 10, 20, 30 Jahren, wenn wir wirklich mehr Strom brauchen, schon nur die ganze Elektrifizierung des Verkehrs, der Heizung, die natürlich voranschreitet, die ja gewollt ist, dass man aus den Fossilen aussteigt, braucht viel mehr Strom. Wir haben künstliche Intelligenz, wir haben mehr Rechenzentren, wir haben Bevölkerungswachstum. Und das heisst, wir brauchen immer mehr Winterstrom. Also wenn wir heute diese Reserven haben, um die Knappheit zu überbrücken, ist das heute der Fall. Aber langfristig müssen wir wirklich viel mehr produzieren. Es besteht ein Konzept, dass man etwa 6 Terawattstunden – das sind etwa 10 Prozent der gesamten Stromproduktion – mehr im Winter hätte. Da hätten wir schon ziemlich viel zusätzlich. Das würde bedeuten, dass man etwa 15 zusätzliche Wasserkraftspeicherwerke, die wir intensiv diskutiert haben, die in der Bewilligung einen Vorteil haben sollen, macht. Das wären etwa 2 Terawattstunden. Dass man etwa für 2 Terawattstunden Wind zusätzlich baut. Und 2 ging man davon aus, gäbe es von alpinen Solaranlagen. Überall gibt es grössere Hürden. Bei der Wasserkraft ist es nach wie vor eine Einsprachensituation, dass man genügend Ausgleichsmassnahmen hat, bis es bewilligt werden kann. Bei der Windkraft gibt es generell Opposition aufgrund der Auswirkungen auf die Landschaft. Und bei den alpinen Solaranlagen haben wir keinen Rückstand, vor allem aus technischen Gründen, weil es technisch schwieriger ist, als man ursprünglich gemeint hat. Nichtsdestotrotz geht es nur darum, jetzt hier vorwärtszumachen und wir sind dran. Das Parlament hat den Beschleunigungserlass verabschiedet, damit man all diese Werke schneller bewilligen kann. Es geht nicht nichts, aber es geht zu langsam im Moment.

– Jenny
Die verschiedenen Punkte, die Sie ansprechen, beschäftigen die Stimmbevölkerung auch sehr. Einerseits, dass man das Gefühl hat, es geht zu wenig schnell vorwärts mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Über 60 % der Stimmbevölkerung teilt diese Sicht. Und gleichzeitig auch die Sorge, dass man das Gefühl hat, es reicht nicht aus, wenn man nur auf die Erneuerbaren setzt. Das ist auch ein Thema, das Sie als UVEK-Vorsteher wieder in die Debatte gebracht haben. Muss man jetzt wieder über Atomkraft reden? Ja oder nein für die Schweiz? Können Sie da vielleicht noch einmal kurz zusammenfassen, warum braucht es aus Ihrer Sicht diese Debatte?

– Bundesrat Rösti
Ich habe jetzt vom kurzfristigen Aspekt mit den Reservenkraftwerken gesprochen. Ich habe vom mittelfristigen Aspekt, also von den nächsten 10, 20 Jahren, gesprochen, wo wir wo wir die Erneuerbaren, eben mehr Wasserkraft, brauchen. Aber irgendwann kommen Leibstadt und Gösgen auch an ihr Lebensende. Ich gehe zwar davon aus, dass sie länger betrieben werden, als man ursprünglich davon ausgegangen wäre, also dass es über 60 Jahre dauert, aber trotzdem müssen wir an ihren Ersatz denken. Und wenn ich sehe, wie schwierig es jetzt schon ist, genügend Strom mit Erneuerbaren heranzubringen, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, und das teilt auch der Bundesrat, dass man die 30 Prozent, das darf man nicht vergessen, der Atomstrom ist heute noch 30 Prozent von der Stromversorgung, mit noch bestehenden Kernkraftwerken ersetzt, ohne auf diese Technologie zu setzen. Und wichtig ist für mich, dass es nicht entweder oder ist – Erneuerbare oder Kernkraft –, sondern sowohl als auch. Ersetzen von Kernkraftwerken, das ist ein langfristiger Aspekt. Das wird lange dauern, bis es bewilligungsfähig ist. Zuerst muss das Parlament eingehen auf den Gegenvorschlag des Bundesrates zur Initiative, die es gibt. Der Bundesrat hat klar gesehen, dass wir über diese Technologie reden müssen, wenn wir langfristig auf 30, 40 Jahre die Stromversorgung sicherstellen wollen.

– Lukas
Jetzt hat man 2017 den Ausstieg sozusagen mit dieser Strategie beschlossen. Ist das eine Missachtung des Volkswillens, wenn der Bundesrat jetzt sagt, jetzt machen wir den Gegenvorschlag zu dieser Blackout-Initiative?

– Bundesrat Rösti
In keiner Art und Weise, weil der Bundesrat ist ja dafür da und hat den Auftrag, aufgrund von neuen Ausgangslagen neu zu antizipieren und Vorschläge zu machen. Selbstverständlich entscheidet über einen Einstieg nicht der Bundesrat allein. Es geht ins Parlament, und dann kommt das Referendum. Das ist ja schon von den Grünen angekündigt worden: Das Referendum wird kommen, und dann muss man darüber abstimmen. Ich glaube, wenn jetzt alles gleich wäre wie damals 2017, könnte man vielleicht noch sagen, warum kommt jetzt der Bundesrat mit dem? Aber die Welt hat sich natürlich seit 2017 schon verändert. Egal was man dann für eine Meinung hatte, dafür oder dagegen, ist heute einfach eine andere Welt. Und das namentlich wegen der geopolitischen Auseinandersetzung. Dannzumal, ich erinnere mich gut, ich war Nationalrat, war ich zwar gegen den Ausstieg, aber im Parlament war die Meinung, die Mehrheitsmeinung klar, in Europa gibt es immer genügend Strom. Und wenn zu wenig in der Schweiz, dann importieren wir halt mehr. Wir waren in einer sicheren, absolut friedlichen Welt. Es hat noch so ein bisschen die Stimmung nach dem Mauerfall geherrscht. Und das hat natürlich mit dem Ukraine-Krieg diametral geändert, als wir plötzlich sahen, dass kein Gas mehr aus Russland kommt. Deutschland kann keinen Strom aus Gas produzieren, also fällt aus als möglicher Lieferant von Strom. In Frankreich waren plötzlich die Kernkraftwerke in der Revision, produzierten plötzlich nur zu 40 Prozent, sodass wir im '22, '23 echt Angst hatten, wir hätten zu wenig Strom. Erst fünf oder sechs Jahre nach der Abstimmung war man plötzlich in einer ganz anderen Situation. Die Bevölkerung wuchs deutlich schneller als man dachte, auch in der Schweiz. Und wovon man damals noch nicht ausgegangen ist: 2017 sind wir noch nicht von einer vollständigen Dekarbonisierung ausgegangen. Da hat man irgendwie gesagt, etwa 60 Prozent sollten wir aus den Fossilen aussteigen. Heute haben wir in der Zwischenzeit gesehen, nein, wir wollen das Netto-Null-Ziel erreichen, was viel mehr Strom braucht. Ich denke, das sind schon grundsätzliche neue Ausgangslagen. Der Bundesrat und ich als Energieminister fühlen uns verpflichtet, diese Diskussion vorzulegen. Die Bevölkerung wird das dann selbst abwägen. Ich hoffe sehr, dass man der Technologieoffenheit zustimmen wird. Denn die Entwicklung der Kerntechnologie ist enorm. Im '17 hat man das im Zug nach Fukushima noch entschieden. Deutschland hat mitgemacht, viele andere Länder haben auch gesagt: Die Kernkraft ist nicht die Zukunft. Heute stellen wir ein richtiges Revival der Kernkraft fest. Ich bin vorletzte Woche an einer Ministerkonferenz in Paris der Energieminister, die wirklich praktisch alle sagten, ohne Kernkraft keine Stromversorgungssicherheit, keine Dekarbonisierung. Ich glaube, da sollte die Schweiz als technologieoffenes Land nicht abseits stehen.

– Jenny
Sie haben auch unter anderem letztes Jahr erwähnt, dass Sie viel Hoffnung bei den sogenannten Small Modular Reactors sehen, also den neuen, modernen Arten von Kraftwerken. Gleichzeitig ist letztes Jahr auch ein Bericht der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften herausgekommen, der sich diesem Thema angenommen hat. Wann könnte so ein potenzielles neues Kraftwerk stehen, wenn man jetzt wieder darauf setzt? Und dort kommt man zum Schluss, dass das vor 2050 nicht möglich wäre. Für Sie ist ja als Energieminister oberste Prämisse Versorgungssicherheit. Da stellt sich für mich noch die Frage, steht das irgendwo nicht auch in Widerspruch, wenn das erst 2050 der Fall wäre?

– Bundesrat Rösti
Ich werde das oft gefragt mit dieser Studie. Und diese Studie hat mich bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Gösgen und Leibstadt wird man noch über 2050 hinaus betreiben. Und jetzt müssen wir anfangen. Und bis ein neues Kernkraftwerk oder auch ein Small Modular Reactor wird seine Zeit brauchen, bis er einmal bewilligt ist. Bis das so weit ist, braucht es einfach Zeit. 2050 klingt wahnsinnig lang, ist aber in 25 Jahren und gemessen an Bewilligungsfristen, an Entwicklungen, ist das eigentlich sehr schnell. Ich bin schon der Meinung, wir müssen schneller vorwärts gehen. Also wenn wir jetzt dann ins Parlament kommen und wahrscheinlich nächstes Jahr irgendwann eine Volksabstimmung haben, dann ist klar, und die sollte die Technologieoffenheit bestätigen, also die Möglichkeit für den Bundesrat, zur Kerntechnologie zurückzukehren, muss man sicher einen Plan haben, wie das in welchen Fristen läuft. Aber für mich ist ganz wichtig, dass wenn wir Leibstadt und Gösgen schliessen, noch mal: 30 % der heutigen Stromproduktion, dass wir dann bereit sind. Darum müssen wir heute anfangen. Aber dann stimmt das gar nicht so schlecht mit der Studie überein.

– Lukas
Ihr habt euch im neuen Amt einen Ruf geschaffen, dass ihr helft, Hürden, bürokratische oder administrative Hürden wegzuräumen, sei das bei einem Lift im Wallis oder bei einer anderen Herausforderung. Ist es denn tatsächlich auch vorstellbar, dass man das beschleunigen kann, wenn man jetzt sieht, zum Beispiel die Vorsicht der Investoren, das müssten ja die Energiebetreiber sein, ist ja riesig, weil das so ein riesiges Risikoprojekt ist. Hätten Sie den Eindruck, dass sich in der Schweiz mit all diesen Vorgaben, die es eben immer noch gibt, Volksabstimmungen, tatsächlich dann relativ schnell umsetzen?

– Bundesrat Rösti
Also ich glaube, das ist ganz wichtig, was Sie jetzt sagen, Herr Golder, dass es, bevor man bauen würde, nochmals eine Volksabstimmung geben. Also wenn man jetzt der Technologieoffenheit mal den Raum gibt, dass man das überhaupt diskutieren kann, dann ist noch lange keine gebaut. Es braucht jetzt einfach mal den ersten Schritt, dass man überhaupt darüber diskutieren kann. Und bevor der erste Schritt nicht da ist, ist niemand bereit, nur einen Franken in eine Planung oder in eine Überlegung zu geben. Wenn das gemacht ist, sieht es vielleicht anders aus. Wir haben jetzt einen Beschleunigungserlass für Windenergieanlagen, für Wasserkraftanlagen. Ich glaube, man müsste natürlich, wenn man zum Schluss kommt, es geht nicht ohne das, dann müsste man schon über die Regulierung auch noch sprechen und sicher braucht es eine Art Public-Private-Partnership-Projekt, also dass die öffentliche Hand zusammen mit den Privaten das konkret an die Hand nimmt. Das ist jetzt aber zu früh, das ist Zukunftsmusik, weil für mich ist ganz wichtig, dass nicht entweder oder, also Rösti will nicht um jeden Preis ein Kernkraftwerk. Ich habe nichts davon. Wenn wir es mit Erneuerbaren lösen können, mit der Wasserkraft, dann bin ich noch so froh. Und darum sage ich, jetzt müssen wir damit Gas geben, jetzt müssen wir die Fördermittel in das stecken. Aber wir müssen bereit sein, die nächste Geländekammer zu sehen, um dann bereit zu sein. Aber das wird sehr herausfordernd, das ist unbestritten.

– Jenny
Sie haben ja gerade gesagt, es ist für Sie nicht ein Entweder-Oder und gleichzeitig finde ich es spannend, wenn wir über den Zusammenhang zwischen dem Ausbau der Erneuerbaren sprechen, aber auch potenziell über neue Kernkraftwerke. Es gab auch eine Politik-Folgenabschätzung der Schweizerischen Energiestiftung, die sich das angeschaut hat, anhand von verschiedenen Szenarien. Und die kommen jetzt zum Schluss bei den Erneuerbaren, dass das doch dazu führen würde, wenn man jetzt wieder auf Kernkraft setzt in der Schweiz, dass die Marktpreise heruntergehen und das auch für mehr Verunsicherung führen könnte bei den Investoren und Investorinnen bei den Erneuerbaren. Für Sie ist ja Technologieoffenheit sehr wichtig, aber besteht da nicht auch die Gefahr, dass es de facto einen Rückschlag für die Erneuerbaren gibt, wenn man beide Pfade verfolgt?

– Bundesrat Rösti
Dass die Schweizerische Energiestiftung auf diesen Schluss kommt, ist aufgrund des Inhalts, den sie haben, vielleicht nicht ganz überraschend. Aber ich gehe nicht davon aus, dass dies der Schluss ist, weil wir ja eine bestehende Gesetzgebung haben. Diese bestehende Gesetzgebung gilt heute bis 2035. Und die bedeutet, dass wir Förderkriterien haben für erneuerbare Energien. Und gestützt darauf kann man die jetzt zubauen, und man soll sie auch zubauen. Das stelle ich auf keine Art und Weise infrage. Es gibt keine Fördermöglichkeit für Kernkraft, stand heute. Und ich sage, über das müsste man dann reden, wenn es nicht anders geht. Und wenn sich der Trend von heute, dass es viel zu langsam geht, und dass wir es nicht schaffen, wenn sich der bestätigen sollte in den nächsten Jahren, dann müssten wir darüber reden. Aber dann wäre es ja auch nötig. Und diesen Einwand höre ich nicht nur von der Energiestiftung, dass man jetzt Unsicherheit schaffe. Aber diese Unsicherheit hat ja zwischen 2011, als die Diskussion begonnen hat, bis jetzt, da der Bundesrat diese Diskussion wieder öffnen will, nicht stattgefunden. Und trotzdem ging es nicht schneller vorwärts. Also jetzt zu sagen, weil jetzt die Diskussion losgeht, es jetzt langsamer geht, das ist für mich nicht stichhaltig. Wichtig ist, den Investoren zu sagen, jetzt gibt es nur Fördergelder für Erneuerbare. Und jetzt ist gar nicht die Frage eines neuen Kernkraftwerks. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist, ob man die Technologieoffenheit bereitstellen will, dass man sich überhaupt Gedanken machen darf, was in Zukunft längerfristig passieren soll. Das wäre meine Antwort darauf. Und dass die Preise sinken, das würde ja erst passieren, wenn wirklich mehr Strom produziert würde, also wenn wirklich mehr am Netz wäre. Und das wäre ja für die Konsumenten auch wieder nicht so schlecht.

– Lukas
Wir reden auch im Hintergrund genau über einen Rollenwechsel, wo eben nicht nur die grossen Betreiber, sondern auch die Konsumentinnen und Konsumenten zu Investorinnen und Investoren werden sollen. Das heisst, sie sollten selber PV-Anlagen zubauen, sie sollten vielleicht selber einen Speicher haben, wäre gerade mit den Unsicherheiten vielleicht auch eine relativ spannende Investition. Wir haben schon ein wenig angetönt, dass die Unsicherheit im Moment da ist. Und zwar vielleicht nicht nur wegen der neuen Entscheidungen oder den neuen Vorschlägen, die der Bundesrat macht, sondern auch, weil jetzt die Minuspreise im Sommer schon bereits Tatsache geworden sind. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir Minuspreise haben. Mir wird zugetragen: Die Leute, die vielleicht eher euphorisch früh investiert haben, sind jetzt frustriert und auch ein wenig überrascht, dass es zum Teil negative Preise gibt am Markt. Was kann man denen als Botschaft geben, unabhängig von langer Zukunft? Wie geht die nächste Zeit weiter? Wie können sie sicher sein, wenn sie investieren? Oder ist es tatsächlich ein Risiko, dass man immer wieder im Sommer eigentlich kein Geld machen kann mit diesen Investitionen?

– Bundesrat Rösti
Wir versuchen, dem vom Bund her ein wenig entgegenzuhalten. Ich begreife die Enttäuschung, die Euphorie war da, und die Leute sind jetzt ein wenig Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Wir hatten 1–2 Terawatt Zubau im Solarbereich, wo jetzt 71 % der erneuerbaren Energie, also fast alles, oder drei Viertel, sind eben Solarenergie. Und wenn es im Sommer die Sonne scheint und es heiss ist, dann laufen die alle. Dann kann das tatsächlich zu negativen Preisen führen. Wir haben jetzt festgelegt, dass bei kleinen Anlagen ab dem 1.1. dieses Jahres ein Minimalpreis von 6 Rappen gilt, immerhin noch. Der ist etwas höher, als gewisse Elektrizitätswerke bezahlt haben. Das gibt einen kleinen Anreiz. Das wird aber irgendwann befristet sein, weil es natürlich nicht ganz marktgerecht ist. Darum muss man schon sagen, wenn jemand privat eine Solaranlage macht, ist das tiptop. Es gibt zusätzlichen Strom, auch einen zusätzlichen Teil Winterstrom, aber er muss es vor allem für den eigenen Gebrauch machen und am besten mit einem Speicher, mit dem Elektroauto, das auch noch geladen werden kann, wo man praktisch Eigenversorger werden kann. Und das entlastet natürlich das ganze Netz. Aber man sollte nicht zu gross mit Ertrag rechnen, wenn man dann noch einspeisen will. Es gibt ja jetzt auch die Möglichkeit von Elektrizitätsgesellschaften, also regionalen Elektrizitätsgesellschaften, die selber den Strom austauschen können. Da hat man schon Möglichkeiten geschaffen, um das zu erleichtern. Aber diejenigen, die voll damit rechnen, jederzeit zu einem rentablen Preis einspeisen zu können, dann gelten bei zu viel Angebot einfach Angebot und Nachfrage, vor allem bei den grossen Anlagen, wo man die Mindestvergütung nicht vollständig hat. Ich glaube, da muss man ehrlich sagen, wenn jemand neu installiert, gerade im Einfamilienhaus, soll es vor allem für sich selber machen, für den eigenen Strom. Dann lohnt es sich noch.

– Lukas
Bei der Unsicherheit mache ich trotzdem noch einmal den Sprung zurück zur grossen Geschichte. Wir haben es angekündigt, es könnte ein Public-Private-Partnership nötig werden, wenn wir wirklich Kernkraft mit der Technologie, die es im Moment noch im Markt nicht gibt, im Moment sind es die 3-Plus-Generationen, wir sprechen hier von der 4. Generation möglicherweise, wenn es so etwas gibt, muss man ja unglaublich in ein Risiko hineingehen. Der Bund hat auch schon angekündigt, da würden Sie auch als Bund mithelfen, damit dieser Weg gegangen werden kann, mit diesem riesigen Risiko. Auch da sieht man wieder die ganz Kleinen, habe ich so den Eindruck, die sind ein bisschen überrascht und überfahren von diesem Risiko, mit relativ vielen Investitionen, die sie selber gemacht haben. Und hier hat man irgendwie das Gefühl, es wird plötzlich an einem völlig anderen Ort, wo im Sommer natürlich – wenn die AKWs nicht zur Revision vom Netz genommen werden – auch Bandstrom produziert wird und der Preis tendenziell noch einmal sinkt. Ist da nicht tatsächlich auch die Unsicherheit, die ich an vielen Orten im Moment spüre, bei diesen Kleininvestorinnen, noch stärker befeuert?

– Bundesrat Rösti
Die Integration oder das Verknüpfen von den verschiedenen Technologien, das ist herausfordernd, das ist unbestritten. Aber ihr habt es vorhin selbst angetönt, dass die Kernkraftwerke vor allem im Sommer revidiert werden und dann möglichst weniger Strom produzieren. Das müsste man entsprechend so gestalten. Also ich glaube, wer heute investiert in eine Solaranlage, muss keine Angst haben, er wird demnächst von Kernkraft kannibalisiert. Ich sage, das brauchen wir dann, wenn wir die bestehenden Kernkraftwerke, die es ja heute unbestrittenermassen am Netz braucht, wenn wir die ersetzen würden. Und darum ist die Diskussion mit dem Fördern, wie viel Fördern, für mich etwas verfrüht. Man kann das einfach sicher nicht ausschliessen. Keine Energie wird ohne staatliche Unterstützung produziert. Darum wäre es Sand in die Augen gestreut zu sagen, das wäre möglich. Aber jetzt brauchen wir zuerst den Grundsatzentscheid: Dürfen wir darüber diskutieren? Das tönt jetzt ein wenig demütig, ob wir darüber diskutieren dürfen, aber faktisch ist es so. Heute steht im Kernenergiegesetz klar, dass neue Anlagen nicht bewilligt werden dürfen. Und dann ist jede Diskussion vielleicht politisch möglich, aber in einer Firma wird gar nicht diskutiert, das ist dort gar keine Frage. International sehe ich, dass das ganz anders aussieht. Wenn ihr nach Frankreich schaut, die wollen massiv investieren in Kerntechnologie. Übrigens auch im Zusammenhang mit der KI als Standort. Wir sind stromversorgungssicher, wir haben genügend Strom, damit man bei uns auch in die KI investieren kann. Ich sage, da sollte die Schweiz einfach nicht abseits stehen als Forschungsstandort, als Innovationsstandort. Und diese Sicherheit auch bieten können. Ihr habt vorhin die Small Modular Reactors angesprochen. Wir sind uns bewusst, dass die reifen Technologien in 4–5 Jahren da sein sollten. Und wenn es dann wirklich möglich sein sollte, für ein Rechenzentrum den Strom vor Ort zu produzieren, und dort zu brauchen, der nicht in Konkurrenz ist zu Solar, dann sollten wir eigentlich bereit sein und nicht noch zuerst diskutieren müssen, ob wir es dürfen oder nicht. Aber man muss immer auch zuerst abstimmen, bevor etwas kommt. Aber die Herausforderung dieser Integration kann ich nicht wegreden. Mir wäre am liebsten, wir könnten genügend Wasserstrom produzieren, ein wenig Wind, damit wir genügend im Winter hätten. Und könnten Abstand nehmen von der Diskussion. Aber wenn ich sehe, dass wir 30 Jahre diskutiert haben, um eine Grimselstaumauer zu erhöhen, und es gibt heute noch Diskussionen um Ausgleichsmassnahmen, bei denen man sich nicht einig ist. Wenn man sich am runden Tisch einig ist, dann ist wieder eine Gemeinde nicht einverstanden. Es ist immer irgendetwas, das sehr, sehr schwierig ist. Entweder können wir diese Blockade lösen, und diese Projekte gehen jetzt mit ganz anderem Tempo vorwärts, dann bin ich der Erste, der Abstand nimmt und sagen kann, es braucht die anderen Technologien nicht. Im Moment sieht das einfach nicht so aus. Und nur mit Solarstrom im Sommer, das geht einfach nicht.

– Lukas
Ja, da haben wir im Winter tatsächlich immer noch ein Problem. Zum Schluss, wir haben es schon ein bisschen angetönt mit Frankreich und so, es ist eine sehr vernetzte Sache und dort geht es um Stromnetze. Was mich überraschte bei der Diskussion um das Stromabkommen mit der EU, war der Widerstand, der innenpolitisch sehr laut von allen Seiten kam. Mich hat das etwas überrascht. Ging es euch auch so, dass es doch sehr vehement und kritisch war?

– Bundesrat Rösti
Mich hat vor allem überrascht, dass von denen, die das Stromabkommen immer gefordert haben, namentlich von den Stromunternehmen, auch die Kritik sehr stark war. Ich muss allerdings auch klar sagen, warum. Sie kritisieren die innenpolitische Umsetzung. Und das ist natürlich schon eine Quadratur des Zirkels. Also das Stromabkommen soll ja vor allem helfen, den Zugang zu den internationalen Regelplattformen zu haben, dass wir sehen, wie viel Strom hereinkommt, wie viel hinausgeht. Damit man das planen kann und nicht plötzlich von unangemeldeten Stromflüssen überhäuft wird, die sehr grosse Regelenergiepreise bedeuten. Ausgang und Eingang, also die Bilanz, müssen stimmen. Und wenn sie nicht stimmt, muss man Strom einkaufen oder verkaufen. Und das kann sehr viel kosten, wenn man das nicht voraussieht und kann vorausplanen. Und darum, das ist eigentlich das Stromabkommen. Aber das Stromabkommen bedeutet eben auch, dass wir den Markt öffnen müssen, also dass wir nicht mehr geschützte Preise haben. Sondern dass hier jeder wie die Krankenkasse auch den Stromanbieter wechseln kann. Da ist man natürlich insbesondere von der Seite der Gewerkschaften dagegen, weil man Angst hat, es könnte für Konsumenten zu hohe Preise geben. Und dass das nicht passiert, hat man jetzt gesagt, wir machen trotzdem noch eine gewisse administrative Grundversorgung. Das haben vor allem die Stromunternehmen kritisiert, weil das bedeutet, dass sie Strom zu Gestehungskosten verkaufen müssen. Und die Berggebietskantone, obschon das weniger stark war, haben Angst wegen ihrer Wasserkraft, dass die dann plötzlich von der EU gesteuert werden können. Wir haben das so weit wie möglich in einem Abkommen mit dynamischer Rechtsübernahme ausgeschlossen. Aber da gibt es noch viel darüber zu diskutieren. Das ist noch nicht durch das Parlament. Da braucht es noch Überzeugungsarbeit.

– Lukas
Das ist eine heisse Geschichte, eindeutig. Die Frage stellt sich jetzt wieder mit dem grossen Blick auf die Versorgungssicherheit. Ist es alternativlos? Ist es wichtig, dieses Stromabkommen für die Versorgungssicherheit zu haben?

– Bundesrat Rösti
Also für mich gilt der Grundsatz: Politik ist nie alternativlos. Es muss immer Alternativen geben. Ich habe ja auch schon gesagt, das Stromabkommen ist gut und hilft, die Versorgungssicherheit mitzusichern, indem die Leitungen offen sind, dass wir genügend Kapazität haben, um genügend zu importieren. Das ist quasi eine völkerrechtliche Absicherung von dem, was wir heute haben. Aber man weiss ja nie, ob das immer so bleibt. Aber letztlich kann natürlich auch eine Situation eintreten, wo in Europa eben nicht genug Strom ist, wie wir auch schon hatten. Darum ist mindestens neben dem Stromabkommen ebenso wichtig, dass wir im Inland genügend Strom produzieren. Da schliesst sich eigentlich der Kreis. Wir müssen vor allem mehr Stromanlagen für den Winter haben, die Winterproduktion machen, im Inland für die Stromversorgungssicherheit. Dann ist unsere Position auch gegenüber der EU eine bessere Verhandlungsposition und eine bessere Handelsposition.

– Lukas
Ja, dann kommen wir auch wieder auf die Frage zurück, die ich am Anfang gesagt habe. Es hat mich ein bisschen überrascht, dass die Sorgen im Sorgenbarometer eher zurückgegangen sind. Wenn wir jetzt, sagen wir, vom Platz 9 ausgehen, was im Moment, Ende 2025 publiziert, die Situation ist, wenn ihr jetzt eine Prognose machen müsstet, wie in fünf Jahren die Sorgen der Leute sind, welches das zwingendste Problem, das die Schweiz lösen sollte, ist, geht es hoch oder runter mit den Sorgen? Auf welchem Rang steigt die Energie in fünf Jahren?

– Bundesrat Rösti
Ich hoffe natürlich … ja es ist eine wichtige Zeit für mich auch als Energieminister. Und ich hoffe jetzt, dass wir die richtige Entscheidung treffen werden können im Bundesrat und im Parlament und das beim Volk durchgeht. Und das würde bedeuten, für alle Technologien offen sein, alle Technologien ermöglichen, wenn sich das zeigt und die Produktion tatsächlich auch steigt, bin ich überzeugt, dann geht die Sorge zurück. Wenn aber die heutige Situation anhält, dass wir nicht zubauen können, dass alles weiterhin blockiert ist, dann wird sie massiv steigen.

– Lukas
Herr Bundesrat Albert Rösti, herzlichen Dank für den Besuch bei uns.

– Bundesrat Rösti
Danke für die Einladung.

– Jenny
Danke Ihnen. Und wer es genauer wissen möchte, alle Details zu der genannten Studie finden sich unten in der Beschreibung der Folge.

Kontakt
Online-Kontakt

E-Mail:

Kontaktformular: öffnen

Adresse

gfs.bern
Effingerstrasse 14
3011 Bern

Telefon

Bürozeiten

Montag bis Freitag
08:00 – 12:00 h
13:00 – 17:00 h

Newsletter
Jetzt Newsletter abonnieren

Erhalten Sie spannende Einblicke in aktuelle Studien, Analysen und in die Arbeit von gfs.bern – kompakt und direkt in Ihr Postfach.