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Rassistische Einstellungen in der Schweiz grundlegend untersucht
Rassistische Einstellungen in der Schweiz grundlegend untersucht

Rassismus ist ein heikles Thema. Zu Recht beurteilen letztlich nur die Gerichte, wer ein Rassist bzw. eine Rassistin ist. Basis hierfür ist das Strafgesetzbuch. In einem konkreten Fall setzt es bestimmte Handlungen oder Äusserung in der Öffentlichkeit voraus. Das Projekt "Zusammenleben in der Schweiz" ist hierfür kein Ersatz. Denn es beobachtet nicht; es hat befragt. 2010, 2012 und 2014 wurden jeweils 1000 SchweizerInnen und 700 AusländerInnen, repräsentativ ausgewählt. Interviewt wurden sie zum übergeordneten Thema, wie man in der Schweizer zusammenlebt. Die Befragung enthielt auch Fragen zu AusländerInnen, zu MuslimInnen und zu JüdInnen. Schliesslich ging es auch darum, ob man sich am Wohnort, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit durch die Anwesenheit anderer Menschen, die man persönlich oder kulturell nicht kennt, gestört fühlt.

 

Aus der Befragung lassen sich Einstellungen ableiten - gefestigte Meinungen könnte man auch sagen. Dazu zählen auch rassistische Einstellungen sowie fremden-, muslim- und judenfeindliche Einstellungen. Der internationalen Forschungsliteratur folgend geht die Studie nicht von einzelnen Aussagen aus; vielmehr stützt sie sich auf systematische Äusserungen. Wenn allein die Hautfarbe des Nachbars eine Rolle spielt, ist das noch unerheblich. Wenn dagegen Hautfarbe, Religion, Sprache und Nationalität eines Nachbarn im Verbund abgelehnt werden, ist das ein Hinweis auf eine Systematik im Denken, wobei Einzelpersonen auf äusserliche, biologische und kulturelle Merkmals reduziert und negativ beurteilt werden. Das nennt man dann eine rassistische Einstellung.

 

Gemäss dieser Definition und forschungspraktischer Umsetzung zeigen aktuell 13 Prozent der BewohnerInnen rassistische Einstellungen. Über die Zeit schwankt der Wert leicht, aber ohne einheitlichen Trend. Signifikant häufiger kommen solch gefestigte Meinungen bei SchweizerInnen als bei AusländerInnen vor. Verbreiteter ist es auch bei Personen, für die ihre Nationalität sehr wichtig ist. Rassistische Einstellungen finden sich zudem in der italienischsprachigen Schweiz, bei RentnerInnen und bei tiefsten Einkommensklassen vermehrt.

 

Die Studie zeigt auch neue Phänomene auf: So lehnen die Angehörigen bestimmter Konfessionen Menschen in ihrer Nachbarschaft, die ihnen fremd vorkommen, nicht mehr stärker ab; vielmehr sind es konfessionslose Personen, die hier höhere Werte aufweisen. Politisch gibt es keine Affinität mehr zu einer Partei; eher gilt, dass das beschriebene Phänomen heute bei den AnhängerInnen aller grossen Partei vorkommt.

 

Fremdenfeindliche Einstellungen kommen doppelt so häufig vor wie rassistische. Ebenso ist Muslimfeindlichkeit verbreiteter. Judenfeindlich ist dagegen weniger häufig, und sie hat in der Schweiz ein eigenes Profil. Entsprechend fällt die Ursachenanalyse aus: Rassistische Einstellungen im Nahbereich hängen mit der Ablehnung fremder Personen am Arbeitsplatz zusammen. Befördert werden sie durch erlebte Diskriminierungen und Gewalterfahrungen. Zudem beeinflusst das negative Bild der Migration und der Ausländerpolitik die Entstehung rassistischer Einstellungen.

 

Im internationalen Vergleich sind die Messwerte der Studie nicht auffällig. Befragungen in den meisten europäischen Ländern kommen zu ähnlichen Schlüssen. Höhere findet man namentlich im asiatischen und arabischen Sprachraum. Vergleicht man die Ergebnisse mit früheren Studien zur Schweiz, fallen verschiedene Punkte auf: Noch nie wurde die Problematik des Zusammenlebens in der Schweiz so umfassend untersucht. Rassistische Einstellungen kommen bei der grossen Mehrheit nicht vor. Wo es sie gibt, zeigten sie einen Zusammenhang mit dem aktuellen gesellschaftlichen Wandel. Sie haben sowohl objektive als auch subjektive Gründe. Vor allem das Aufflackern muslimfeindlicher Akte kann sie befördern. Nicht bestätigt wird dagegen, dass rassistische Einstellungen eindeutig mit politischen Ideologien oder autoritären Denkstrukturen zusammenhängt.

 

Zitierweise
Verwendung unter Quellenangabe gestattet, zitierweise "Auszug aus der Forschungsarbeit von gfs.bern"
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