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Nachanalyse Tram Region Bern
Die Stimmberechtigen der Gemeinden Ostermundigen, Köniz und der Stadt Bern haben am 28. September 2014 über einen Gemeindekredit für das Tram Region Bern abgestimmt. In Bern wurde dieser mit deutlichen 61.3 Prozent gutgeheissen, in Köniz mit eben so viel (61.4%) Nein-Stimmen verworfen. In der Gemeinde Ostermundigen wurde das Tram Region Bern bzw. der Kredit dafür von 53.4 Prozent der Urnengänger(innen) verworfen. Aus diesem Grund hat die Gemeinde Ostermundigen das Forschungsinstitut gfs.bern damit beauftragt der knappen Ablehnung auf den Grund zu gehen.
Nachanalyse Tram Region Bern

Die Ergebnisse der Befragung "Nachanalyse Tram Region Bern" basieren auf einer repräsentativen Befragung durch gfs.bern von 1010 Stimmberechtigten aus der Gemeinde Ostermundigen. Sie wurde zwischen dem 30. März und dem 11. April 2015 telefonisch durchgeführt.

Folgende fünf Bestandteile verantworteten in ihrer Summe die knappe Ablehnung der Vorlage Tram Region Bern:

1.     Es zeigten sich keine Zeichen für eine inhaltliche Überforderung. Insbesondere fanden sich nur wenige Hinweise darauf, dass die sowieso anfallenden Strassensanierungsarbeiten zu wenig bekannt waren.

2.     Die Vorlage vermochte die Ostermundiger Stimmberechtigten in einem überdurchschnittlichen Mass zu mobilisieren. Überdurchschnittliche Beteiligung bei Sachvorlagen ist erfahrungsgemäss ein Zeichen dafür, dass Proteststimmende am Urnengang teilgenommen haben. Solche Proteststimmen richten sich meist gegen die Behördenposition und in diesem Fall gegen die Vorlage Tram Region Bern. Auch wenn Proteststimmende klar in der Minderheit waren, spielten sie aufgrund des knappen Ausgangs ein wichtiges "Zünglein an der Waage".

3.     Die Vorlage wurde augenscheinlich auch als Projektionsfläche für Wachstumskritik im Agglomerationsraum genutzt: Eine mehrheitliche Gruppe der Ostermundiger(innen) steht dem Bevölkerungswachstum in der Schweiz kritisch gegenüber, diese Gruppe hat auch vermehrt Nein gestimmt zur Vorlage über das Tram Region Bern.

4.     Die Vorlage scheiterte auch aufgrund mangelnder Parolentreue der Ostermundiger(innen): So hielten sich nur gerade Sympathisierende der SP an die Parole der Partei. Die Parolentreue im bürgerlichen Lager war sichtbar kleiner. Unter SVP-Sympathisant(inn)en wurde der Parteiparole sogar nur minderheitlich gefolgt.

5.     Argumentativ scheiterte die Vorlage an einer Kombination aus Bedenken gegenüber den Kosten, der Vorstellung, dass es günstigere Lösungen als ein Tram gibt und den Befürchtungen gegenüber zusätzlichen Verkehrsbehinderungen. Der positive finanzielle Bezug, wonach die Kosten für die Strassensanierung sowieso anfallen würden, vermochte dem nicht entgegenzuwirken.

Die Kritik im Einzelfall ist zweifellos relevant für weitere Bau- und Entwicklungsprojekte in Ostermundigen, sie darf aber keineswegs als festgeschriebene Ablehnung aller weiteren solchen Projekte verstanden werden. Vielmehr erkennen wir wichtige Differenzierungen und Untertöne:

1.     Wir erkennen in Ostermundigen eine gewichtige grundsätzliche Kritik am Bevölkerungswachstum. Solange Projekte im Bereich Verdichtung und Bauten auch als Stellvertreterabstimmung für Wachstumskritik genutzt werden, ist diese grundsätzliche Kritik auch in Zukunft eine Erschwernis für solche Projekte.

2.     Diese generelle Kritik schliesst aber keineswegs aus, dass man einer klugen Siedlungsentwicklung positiv gegenübersteht. Gerade der Siedlungsentwicklung der Gemeinde Ostermundigen bringt man ein mehrheitliches Wohlwollen entgegen. Es entscheidet sich im Einzelfall, ob dieses generelle Wohlwollen auch zu einer positiven Beurteilung spezifischer Bau- und Verdichtungsprojekte führt. Wir können statistisch herausarbeiten, dass rund 33 Prozent der Ostermundiger(innen) Siedlungsentwicklung ganz grundsätzlich nur akzeptieren, wenn daraus keine individuellen Einschränkungen entstehen. Weitere 15 Prozent verschliessen sich insbesondere Hochhäusern als spezifische Form der Verdichtung, während ein weiteres Drittel Mühe hat mit Verdichtungsformen, welche die Privatsphäre einschränken, den eigenen Parkplatz verhindern, den Blick ins Grüne verbauen oder insgesamt zu weniger individueller Wohnfläche führen. Je nach Art des geplanten Projektes entstehen so schon auf einer grundsätzlichen Ebene kritische Mehrheiten – faktisch startet beispielsweise ein Hochhausprojekt bei genereller Kritik in der Höhe von 49 Prozent, noch bevor das Projekt überhaupt im Einzelnen beurteilt wird. Auch wenn diese generelle Kritik nicht mit einer Ablehnung bei einem entsprechenden Urnengang gleichzusetzen ist, kann doch vermutet werden, dass gerade die geplanten Projekte in Ostermundigen keine Selbstläufer darstellen.

Insgesamt ist damit das Nein zum Tram Region Bern nicht als Marschhalt zu verstehen, weder für ein Projekt zur besseren Erschliessung von Ostermundigen mit öffentlichem Verkehr, noch zu weiteren Bauvorhaben. Es zeigt sich aber, dass auch künftige Bau- und Verdichtungsprojekte nicht einfach akzeptiert werden, es braucht Informationsarbeit.
Kunde
Gemeinde Ostermundigen
Zitierweise
Verwendung unter Quellenangabe gestattet, zitierweise "Auszug aus der Forschungsarbeit von gfs.bern"
Grundgesamtheit
Stimmberechtigte der Gemeinde Ostermundigen
Herkunft der Adressen
Telefonverzeichnis der Swisscom (mehrere Jahrgänge gepoolt)
Art der Stichprobenziehung
Random-Quota; Geburtstagsmethode im Haushalt
Erhebungsart
CATI
Befragungszeitraum
30. März 2015 - 11. April 2015
Realisierte Interviews
1010
Vertrauensintervall für Gesamtstichprobe
±3.2 Prozentpunkte bei 1'010 Stimmbürger(innen)
Quotenmerkmale
Geschlecht/Alter interlocked, Teilnahme
Gewichtung nach
Alter/Geschlecht interlocked, Teilnahme, Resultat
Hauptautor
Co-Autoren
  • Jonas Philippe Kocher
  • Carole Gauch
Team
  • Meike Müller
  • Stephan Tschöpe
  • Johanna Lea Schwab
  • Aaron Venetz
  • Sabrina Schüpbach
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