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Ernährungssouveränität und Fair-Food: Beispiele der klassischen Dynamik bei Volksinitiativen über einen sehr kurzen Kampagnenzeitraum

Die SRG-Trend-Umfragen zeigten bereits vor zwei Wochen an, in welche Richtung der Trend geht: Zweimal Nein bei den Initiativen Ernährungssouveränität und Fair-Food.

Ernährungssouveränität und Fair-Food: Beispiele der klassischen Dynamik bei Volksinitiativen über einen sehr kurzen Kampagnenzeitraum

Die Entwicklung der Meinungsbildung bei den beiden Ernährungs-Vorlagen zeigt die klassische Dynamik bei Volksabstimmungen mit sehr kurzen Kampagnenzeiträumen auf: Für die Anliegen beider Vorlagen sind grundsätzlich Sympathien vorhanden. Die Themen Nachhaltigkeit und der bewusste Umgang mit Umwelt und Nahrung treffen den Zeitgeist. Bevor die effektive Auseinandersetzung mit den konkreten Inhalten der Initiative beginnt und die jeweiligen Kampagnen einsetzen, sind darum viele Leute geneigt, den Vorstössen zuzustimmen. Dieser Umstand wird bei den aktuellen Vorlagen noch dadurch unterstützt, dass in den Medien kaum über die anstehenden Abstimmungen diskutiert wurde, so spielen Prädispositionen und Bauchgefühl umso mehr in der ersten Bewertung mit.

Sobald die Informationstätigkeiten im Rahmen der Kampagnen beginnen – im Falle dieser Vorlagen knapp ein Monat vor dem eigentlichen Abstimmungstermin – fängt auch die Auseinandersetzung mit den konkreten Inhalten und auch Konsequenzen der Vorstösse an und die Zustimmung bricht ein. Im Falle der Fair-Food-Initiative wie auch bei der Initiative Ernährungssouveränität gab es insbesondere drei Faktoren, welche die Dynamik begünstigten:

  • Die Schwächen wogen schwer: Die Kosten für die Wirtschaft und insbesondere die Konsequenzen für den Handel der Schweiz mit dem Ausland wurden als zu gross beurteilt.
  • Der Problemdruck bei Vorlagen zu Landwirtschaft und Ökologie ist traditionell gering, das zeigte sich auch am Beispiel der Initiative zur Grünen Wirtschaft. Eine staatliche Förderung und Beeinflussung in Sachen Ernährung wird mindestens in der deutschsprachigen Schweiz nicht gewünscht.
  • Die Kampagnenaktivitäten zu beiden Vorlagen setzten spät ein, fielen kurz aus und erfolgten auf der Seite der Gegner konzertiert und kombiniert gegen die beiden Initiativen. Für das Ja-Lager waren die Kampagnentätigkeiten dagegen kaum sichtbar.

Überraschend war die Zustimmung zu beiden Initiativen in der Romandie. In der Deutschschweiz hat die Vorlage nur einen Drittel der Bevölkerung erreicht. Am Schluss waren es wohl links-grüne urbane und modernistische Kreise mehrheitlich Ja gesagt haben. Eine Korrelation zwischen dem Anteil Landwirte in einem Kanton und den Ja-Stimmen gibt es hingegen nicht. Gerade in Regionen mit erhöhten Anteilen Landwirtschaftsbetrieben, die in den letzten zehn Jahren den Betrieb aufgeben mussten, ist das Nein wuchtig. Das bedeutet, dass dieses Milieu nicht vom Anliegen der beiden Ernährungsinitiativen überzeugt werden konnte. Auch in der Romandie waren es nicht die Bauern, die den Initiativen zu einem Ja verhalfen, sondern eher der Umstand, dass Ernährung dort als Thema bereits stärker politisiert ist und man grundsätzlich eher bereit ist, staatlichen Interventionen zuzustimmen.

Trotz Sympathien für die Anliegen gilt für diese beiden Initiativen, was häufig auch beim Kaufentscheid im Laden der Fall ist: Das Label (biologisch, fair, lokal) hat zwar seinen Reiz, am Schluss ist es jedoch oft der Preis, der ausschlaggebend ist.

Zitierweise
Verwendung unter Quellenangabe gestattet, zitierweise "Auszug aus der Forschungsarbeit von gfs.bern"
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