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| Petra Leuenberger, Projektleiterin "Politik und Staat", GfS-Forschungsinstitut |
Claude Longchamp, Leiter Geschäftsbereich "Politik und Staat", GfS-Forschungsinstitut |
Die vorliegenden Ergebnisse resultieren aus eine Repräsentativbefragung, die das GfS-Forschungsinstitut im Rahmen des von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) initiierten Projekts "Neu-Orientierung der Medizin" realisiert hat.
Insgesamt wurden für die Repräsentativbefragung zwischen dem 2. und 20. April 2001 1220 Schweizerinnen und Schweizer ab 18 (ohne Altersbegrenzung gegen oben) in der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz face to face interviewt. Der Fragebogen wurde in Zusammenarbeit mit dem Steuerungsausschuss der SAMW entwickelt. Bei der Art der Stichprobe handelt es sich um eine Zufalls-/Quotenauswahl; der Stichprobenfehler beträgt bei einem Sample von 1220 Personen +/- 2,9 Prozent. Die Befragung wurde gemäss den Richtlinien der Branchenvereinigung SWISS INTERVIEW(r) durchgeführt.
Der Schlussbericht wird im Herbst veröffentlicht.
Mehr als drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer schätzen ihren Gesundheitszustand als gut (45%) oder sehr gut (38%) ein. Weitere 13 Prozent fühlen sich momentan mittelmässig, 3 Prozent schlecht und 1 Prozent sehr schlecht.
Und 68 Prozent würden sagen, dass sie für ihre eigene Gesundheit eher viel (52%) oder sehr viel (16%) tun. Dagegen macht mehr als ein Viertel eher nicht viel (25%) oder überhaupt nicht viel (3%) für die eigene Gesundheit.
Obwohl die SchweizerInnen gesamthaft gesehen ihren momentanen Gesundheitszustand als gut oder sehr gut einschätzen, hat fast die Hälfte persönlich Erfahrung mit einer einschneidenden Krankheit oder einem Unfall.
Es fällt jedoch auch auf, dass unter jenen, die ihren Gesundheitszustand für (sehr) gut halten, Personen, die keine persönlichen Erfahrungen mit einer einschneidenden Krankheit oder einem Unfall gemacht haben, überdurchschnittlich vertreten sind (91%). Persönliche Erlebnisse mit einer einschneidenden Krankheit oder einem Unfall haben dagegen keinen Einfluss darauf, ob eine Person mehr oder weniger für ihre Gesundheit tut.
Über 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung fühlen sich eher oder sehr gut informiert, wenn es um medizinische Fragen geht. Für gar nicht oder weniger gut informiert halten sich 28 Prozent. Es erstaunt deshalb nicht weiter, dass insgesamt zwei Drittel kein weiteres Informationsbedürfnis bekunden, sondern mit den vorhandenen Informationen bedient sind. Ein Drittel möchte aber zu medizinischen Fragen mehr Informationen, was angesichts der Informationsdichte beachtlich ist.
Werden Schweizerinnen und Schweizer nach den drei für sie wichtigsten Forderungen gefragt, die sie an das Arztpersonal stellen, sind diese: Fachkompetenz (89%), Interesse am Menschen (39%) und Zeit haben (30%). Zwischen 28 und 22 Prozent verlangen, dass ein Arzt / eine Ärztin beratend wirkt, einfühlsam ist bzw. die Selbstbestimmung respektiert.
Ärztinnen und Ärzten wird von der Schweizer Bevölkerung unter 13 ausgewählten Personen bzw. Organisationen die höchste Sachkompetenz attestiert. Auf einer Skala von 0 (kein Sachverstand) bis 10 (grosser Sachverstand) erreichen sie einen Mittelwert von 8,9. Ähnlich sachverständig werden bloss noch die ApothekerInnen eingeschätzt (8,3). Dahinter, mit Werten über 7, rangieren WissenschafterInnen/ExpertInnen (7,6), die forschende Pharmaindustrie (7,5) und die eigene Krankenkasse (7,2).
Eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer glaubt, dass Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz in fachlicher Hinsicht gerade richtig ausgebildet sind. In Fragen der Ethik, des Umgangs mit PatientInnen und deren Angehörigen sowie in wirtschaftlicher Hinsicht stellen sie jedoch gewisse Defizite fest. So finden 46 bzw. 45 bzw. 42 Prozent, dass die ÄrztInnen in diesen Bereichen gerade richtig ausgebildet sind, während 22 Prozent glauben, dass sie in wirtschaftlichen, 30 Prozent in ethischen Fragen und 42 Prozent in Fragen des Umgangs mit Patienten und deren Angehörigen zu wenig ausgebildet sind.
"Vertrauen", "Interesse" und "Dankbarkeit" sind Reaktionen, die eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer spontan mit der Medizin in der Schweiz verbindet. Ferner empfinden 48 Prozent "Hochachtung" und 30 bzw. 28 Prozent "Stolz" bzw. "Begeisterung". Damit rangieren sämtliche positiv konnotierte Assoziationen vor den negativen, etwa vor "Überforderung" (22%), "Ohnmacht" (18%), "Angst" (14%), "Empörung" (13%), "Abneigung" (12%).
61 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer halten die Vorbeugung von Krankheit und Unfällen für eines der drei wichtigsten Ziele der Medizin in der Schweiz. Damit setzen sie die Prävention über die Heilung und Pflege von Patienten mit einer (heilbaren) Krankheit (53%). Die Hälfte hält ferner die Förderung und Aufrechterhaltung der Gesundheit für eines der drei wichtigsten Ziele, unwesentlich weniger (47%) die Linderung von krankheitsbedingten Schmerzen und Leiden.
In den Augen der Schweizer Bevölkerung ist die heutige Medizin in der Schweiz eher eine Technik und weniger eine Kunst. Auf einer Skala von 0 ("Die heutige Medizin ist eine Technik") bis 10 ("Die heutige Medizin ist eine Kunst") ergibt sich ein Mittelwert von 3,7. Sie orientiert sich eher an den Krankheiten, weniger an der Gesundheit (3,9) und akzeptiert tendenziell nur, was wissenschaftlich bewiesen ist (4,0). In ihrer Vorstellung wünscht sich die Bevölkerung eine Medizin, die alles akzeptiert, was irgendwie nützlich ist (6,5), sich an den Bedürfnissen des Individuums, weniger an jenen der Gesellschaft orientiert (6,7) und den Patienten/die Patientin ganzheitlich betrachtet (7,8).
Die Medizin in der Schweiz braucht, so sehen es die Schweizerinnen und Schweizer, in erster Linie mehr Pflegepersonal. 78 Prozent vertreten diese Meinung, und knapp ein Fünftel findet, dass es gleichviel Pflegepersonal brauche wie bis anhin. Mehrheiten finden ferner, dass die Medizin Bedarf an Menschlichkeit (69%) und Alternativmedizin hat (58%). Von allen übrigen "Elementen", etwa Physiotherapie, Grundversorgung, Spitzenmedizin, Arztpersonal, Rehabilitation, Psychiatrie und Frauen als Ärztinnen, hat die Medizin in den Augen der Schweizer Bevölkerung genug Ressourcen. Sie plädiert deshalb in diesen Bereichen nicht für einen Ausbau, sondern mehrheitlich für die Beibehaltung des Status quo.
Bei den Aussagen über das Gesundheitswesen ist sich die Schweizer Bevölkerung mehrheitlich einig: "Das Gesundheitswesen wird immer teurer (97%)" und "Das Gesundheitswesen der Schweiz ist nicht mehr bezahlbar" (75%).
Die Forderung, dass im Gesundheitswesen mehr gespart werden sollte, spaltet Schweizerinnen und Schweizer in zwei Lager. Die BefürworterInnen sind mit 55 den GegnerInnen mit 40 Prozent zahlenmässig überlegen.
Gespart werden soll jedoch primär nicht durch die Reduzierung von Leistungen, sondern durch Gehaltskürzungen beim Arztpersonal. 70 Prozent nennen die Senkung der Gehälter als eine der drei wichtigsten Sparmassnahmen. Je rund ein Drittel sieht in der Beschränkung teurer Verfahren auf ein staatlich verordnetes Mass, in grösserer Selbstbeteiligung (z.B. Franchise) und/oder in der Reduktion von Spezialisten Sparpotentiale. Alle übrigen Massnahmen, etwa die Beschränkung der psychischen Behandlungen auf schwere Fälle, die Reduktion von Spitalbetten, Rehabilitation oder Spitexdiensten, sind als Rationierungsmassnahmen unpopulär.

Die Vielzahl der Einzelbefunde zeigen, dass Schweizerinnen und Schweizer gegenüber der Medizin in der Schweiz an sich positiv eingestellt sind. Auch die Beurteilung ihrer Vertreterinnen und Vertreter, insbesondere der Ärztinnen und Ärzte, fällt mehrheitlich positiv aus. Dies mag einigermassen erstaunen, denkt man an verschiedene Meldungen über Fehlamputationen und überarbeitetes Arzt- und Pflegepersonal, die in jüngster Zeit für Schlagzeilen sorgten.
In verschiedenen Bereichen stellen Schweizerinnen und Schweizer allerdings auch gewisse Defizite fest und üben Kritik. Während die breite Forderung nach mehr Pflegepersonal einen Kritikpunkt struktureller Art darstellt, beziehen sich alle übrigen auf (nicht vorhandene) Eigenschaften beim Arztpersonal oder auf die Ausrichtung der heutigen Medizin.
So wird beispielsweise festgestellt, dass Ärztinnen und Ärzte in fachlicher Hinsicht gerade richtig ausgebildet sind, dass jedoch in wirtschaftlichen, ethischen und in Fragen des Umgangs mit Patienten und deren Angehörigen Nachholbedarf besteht. Dieses Ergebnis ist insofern von grosser Bedeutung, als dass eine überwiegende Mehrheit der Befragten der Meinung ist, die Beratungsarbeit über Behandlungsmethoden und damit verbundenen Risiken sei Aufgabe eines Arztes/einer Ärztin und solle nicht einer anderen Fachperson übertragen werden. Dementsprechend gehören für sie Interesse am Menschen und Zeit haben neben Fachkompetenz zu den drei wichtigsten Forderungen, die sie an das Arztpersonal stellen.
Als eines der drei wichtigsten Ziele der Medizin sehen die Schweizerinnen und Schweizer die Vorbeugung von Krankheit und Unfällen an. Damit ordnen sie die Prävention der Heilung und Pflege von Patienten mit einer (heilbaren) Krankheit über. In ihrer Einschätzung der Realität erfüllt die heutige Medizin in der Schweiz dieses Ziel nicht unbedingt, denn sie richtet sich eher auf Behandlung als auf Vorbeugung aus.