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Vielschichtige Spaltung der Schweiz bei der Rentenreform

Eine statistische Analyse zeigt die vielschichte Spaltung entlang politischer, inhaltlicher und individueller Erwägungen auf und bestätigt den hohen Konflikt-, aber auch einen hohen Differenzierungsgrad bei den beiden Vorlagen zur Rentenreform 2020.

Vielschichtige Spaltung der Schweiz bei der Rentenreform

In erster Linie wird die Rentenreform durch die Parteianhängerschaft bestimmt. Das zeigen nicht nur die Resultate in den Untergruppen einzeln, sondern auch die Answer-Tree-Methode. Dieses Verfahren identifiziert unter allen der Analyse zugänglichen Unterscheidungsmerkmalen homogene Gruppen, die sich im Vergleich zu anderen möglichst klar unterscheiden. Danach sucht das Verfahren innerhalb dieser neu formierten Gruppen schrittweise nach weiteren möglichst starken Unterscheidungsmerkmalen in Untergruppen.

 

Der Baum ist in der Grafik umgekehrt dargestellt. Die erste Verästelung des Baums ist wie erwähnt die Parteianhängerschaft. Der Baum verästelt sich danach jedoch weiter und zeigt somit neben dem Einfluss der Parteiparolen den Einfluss der unterschiedlichen Positionsbezüge in den Sprachregionen, den Einfluss der Glaubwürdigkeit des Bundesrats in dieser Frage und zuletzt sogar noch den Einfluss individueller Konsequenzen je nach Alter und Geschlecht.

 

 

Die Analyse wird schlüssiger, wenn man die Analyse des doppelten Ja vornimmt. Es sind die zum heutigen Zeitpunkt klar identifizierten Befürwortenden im Vergleich zu allen übrigen, die mindestens in gewissem Mass an einer der Vorlagen zweifeln. Das Doppel-Ja ist bei allen Personen mit bestimmter Teilnahmeabsicht in der Befragung Anfang September mit 43 Prozent etwas stärker als das doppelte Nein mit 37 Prozent.

 

Bei der Parteianhängerschaft ist die Beurteilung der Anhängerschaften von SP und Grünen einheitlich. Zwei Drittel wollen in dieser Gruppe zweimal Ja stimmen. Bei CVP, Parteiungebundenen (PUG) und Anhängerschaften weiterer Parteien (insbesondere GLP und BDP) ist das Muster ebenfalls recht einheitlich. Diese "Mitte" will zu 48 Prozent zweimal Ja stimmen. Bei der FDP-Anhängerschaft ist das Doppel-Ja klar minderheitlich (32%), bei der SVP-Anhängerschaft noch deutlicher (20%).

 

Links und rechts ist die zweite entscheidende Konfliktlinie entlang der Sprachregion: Die FDP-Anhängerschaft neigt in der lateinischen Schweiz umgekehrt zur nationalen Parole recht deutlich zum Ja, während die linken Romand(e)s viel weniger deutlich zum Ja neigen als die Linken in der deutschsprachigen Schweiz. Die sprachregionalen Meinungen sind also recht kongruent zu den Positionsbezügen der Eliten, denn der Widerstand zur Reform kommt in der Westschweiz von links, während die zwei grössten Arbeitgeberverbände für das Ja einstehen.

 

Bei der FDP-Anhängerschaft in der deutschsprachigen Schweiz schimmert in dritter Linie auch die individuellen Konsequenzen als Konfliktlinie auf: FDP-Anhänger aus der deutschsprachigen Schweiz neigen noch etwas stärker zum Ja zu als die FDP-Anhängerinnen aus dem gleichen Sprachraum.

 

In der "Mitte" kommt es nicht auf die Sprachregion, sondern auf die Glaubwürdigkeit von Alain Berset an. Wer weder links noch rechts ist, aber Alain Berset nicht glaubwürdig findet, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens eine der Vorlagen ablehnen.

Auch in dieser Mitte-Gruppe kommt es schliesslich auf die individuellen Konsequenzen an. Und hier spielt das Alter eine Rolle. Wer über 54-jährig ist und Alain Berset glaubwürdig findet, stimmt im praktisch gleichen Ausmass Ja wie die Anhängerschaften von SP und Grünen. Bis 53-Jährige, die Alain Berset vertrauen und weder links noch rechts positioniert sind, ist die Skepsis markant grösser: Hier wollen vergleichsweise nur 51 Prozent zweimal Ja stimmen.

 

Das knappe Rennen um die Rentenreform zeigt eine facettenreiche Spaltung der Schweiz auf drei Ebenen auf. Die Differenzierung von Gruppen ist primär politisch und durch die Positionsbezüge der Parteieliten und Interessengruppen und in der Mitte durch die Glaubwürdigkeit des Regierungsvertreters bestimmt. Diese erfolgen sodann in den Sprachregionen unterschiedlich: Der Widerstand von links genauso wie die Unterstützung von Arbeitgeberseite rechts wirken sich in der Westschweiz aus und zeigen eine sprachkulturell unterschiedliche Leseweise der Vorlage auf. In dritter Linie spielen offenbar auch individuelle kritische Erwartungen von Frauen rechts der Mitte und von Jungen in der Mitte eine Rolle.

 

Anfang September 2017 ist noch einiges in der Schwebe: Der Ausgang der Abstimmungen vom 24. September 2017 könnte knapp werden. Jetzt schon zeichnet sich ein hoher Differenzierungsgrad ab: Die Entscheidung ist durch die Positionsbezüge der politischen Eliten, durch die unterschiedliche Debatte in den Sprachräumen und durch unterschiedliche individuelle Konsequenzerwartungen mitbestimmt.

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