Begleitstudie anlässlich der Einführung von SwissDRG
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DRG: Befürchtungen einer zunehmenden Bürokratisierung der Medizin
Hohe Berufsidentifikation der Spitalärzteschaft durch Einführung von SwissDRG gefährdet
Am 1. Januar 2012 wurde SwissDRG flächendeckend eingeführt. gfs.bern hat 2011 im Auftrag der FMH eine erste Messung vorgenommen, um die Situation und die Einstellung der Spitalärzteschaft vor der effektiven Einführung bezogen auf verschiedene Fragestellungen detailliert zu beschreiben. Diese Fragestellungen sollen in Zukunft regelmässig erhoben werden, um allfällige direkte oder indirekte kritische Auswirkungen von SwissDRG zu erkennen.
Die Bestandesaufnahme der Befindlichkeit und Einstellungen der Schweizer Ärzteschaft im Jahr vor der Einführung von SwissDRG bescheinigt eine hohe Arbeitszufriedenheit und starke Identifikation mit dem Arztberuf trotz der hohen Belastungen. Positive Aspekte der ärztlichen Tätigkeit sowie eine gewisse Sicherheit, im Arbeitsmarkt einen festen Platz zu haben, wiegen negative Aspekte, wie Stress oder Überstunden auf. Getrübt wird das Bild höchstens von Kontextfaktoren, die den medizinischen Alltag mitbestimmen. Die gefühlte Einschränkung der Behandlungs- und Therapiefreiheit ist ein besonders sensibler Punkt, der die Ärzteschaft eint. Die Grundhaltung ist dabei klar; medizinische Faktoren sollen im Umgang mit Patienten oberste Priorität haben. Nicht-medizinische Faktoren, wie etwa ein ökonomischer Umgang mit Ressourcen, werden zwar als Rahmenbedingungen durchaus anerkannt und berücksichtigt, sollen aber im Konfliktfall nicht über den Behandlungsentscheid oder das Patientenwohl gestellt werden.
Nun wird gerade die Einführung von SwissDRG als Eingriff in die ärztliche Entscheidhoheit bei der Behandlung empfunden, was Befürchtungen schürt und die negative Grundhaltung der Ärzteschaft nährt. Nicht das Spitalmanagement oder die Krankenkassen sollen über Behandlungen entscheiden, sondern der Arzt/die Ärztin und die Patientenschaft. Fundierte Kenntnisse über Abrechnungssysteme ganz allgemein sind dabei die Ausnahme und auch der Wissensstand betreffend SwissDRG ist tief. Dieses Unwissen schürt im Zusammenspiel mit möglichen negativen Begleiteffekten wie verfrühte Entlassungen oder Bürokratisierung die Skepsis der Schweizer Ärzteschaft und hilft, die mehrheitlich ablehnende Haltung der Einführung von SwissDRG gegenüber zu erklären. Die Skepsis sinkt zwar mit steigendem Wissen, ist aber selbst bei gut informierten Ärztinnen und Ärzten mehrheitlich vorhanden. Allfällige positive Effekte von SwissDRG werden kaum anerkannt, negative hingegen klar befürchtet, obwohl sie sich in der Praxis mit den heute benutzten Fallpauschalen kaum bewahrheiten. Die Befürchtungen rund um Fallpauschalen sind somit grösser als die heute beobachtbaren negativen Effekte und bringen die hohe Berufsidentifikation unter Druck. Fremdbestimmung im medizinischen Alltag und die gefühlte fortschreitende Bürokratisierung werden mit der Einführung von SwissDRG assoziiert, und lassen die Ärzteschaft laut über ihr eigenes Berufsverständnis und das Berufsethos nachdenken. SwissDRG unterliegt dem Risiko in der Wahrnehmung der Ärzteschaft zum schwarzen Peter der Veränderungen im Gesundheitswesen stilisiert zu werden und damit zum Symbol für gefühlte Missstände im ärztlichen Alltag.
Dienstleistungsart
Situationsanalysen, Issue-Monitoring/Issue-Analysen/gesellschaftliche Issues, Telefonisches Interview CATI, Online-Befragung
Kunde
Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH)
Team
Claude Longchamp, Lukas Golder, Martina Imfeld, Jonas Philippe Kocher, Stephan Tschöpe, Andreas Stettler, Silvia-Maria Ratelband-Pally, Daniela Schempp
Grundgesamtheit
Äzteschaft in der ganzen Schweiz
Erhebungsart
Online-Befragung
Befragungszeitraum
06.06.2011 - 15.08.2011
Statistischer Stichprobenfehler
±2.9 Prozentpunkte (95%-Vertrauensintervall bei 50%/50%-Verteilung)
Zitierweise
Verwendung unter Quellenangabe gestattet, Zitierweise
"Auszug aus der Forschungsarbeit von gfs.bern"