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Begleitstudie anlässlich der Einführung von SwissDRG
Politik :: 406 Views
DRG: Befürchtungen einer zunehmenden Bürokratisierung der Medizin
Hohe Berufsidentifikation der Spitalärzteschaft durch Einführung von SwissDRG gefährdet
 
Am 1. Januar 2012 wurde SwissDRG flächendeckend eingeführt. gfs.bern hat 2011 im Auftrag der FMH eine erste Messung vorgenommen, um die Situation und die Einstellung der Spitalärzteschaft vor der effektiven Einführung bezogen auf verschiedene Fragestellungen detailliert zu beschreiben. Diese Fragestellungen sollen in Zukunft regelmässig erhoben werden, um allfällige direkte oder indirekte kritische Auswirkungen von SwissDRG zu erkennen.
 
Die Bestandesaufnahme der Befindlichkeit und Einstellungen der Schweizer Ärzteschaft im Jahr vor der Einführung von SwissDRG bescheinigt eine hohe Arbeitszufriedenheit und starke Identifikation mit dem Arztberuf trotz der hohen Belastungen. Positive Aspekte der ärztlichen Tätigkeit sowie eine gewisse Si­cherheit, im Arbeitsmarkt einen festen Platz zu haben, wiegen negative Aspek­te, wie Stress oder Überstunden auf. Getrübt wird das Bild höchstens von Kon­textfaktoren, die den medizinischen Alltag mitbestimmen. Die gefühlte Ein­schränkung der Behandlungs- und Therapiefreiheit ist ein besonders sensibler Punkt, der die Ärzteschaft eint. Die Grundhaltung ist dabei klar; medizinische Faktoren sollen im Umgang mit Patienten oberste Priorität haben. Nicht-medi­zinische Faktoren, wie etwa ein ökonomischer Umgang mit Ressourcen, wer­den zwar als Rahmenbedingungen durchaus anerkannt und berücksichtigt, sollen aber im Konfliktfall nicht über den Behandlungsentscheid oder das Pati­entenwohl gestellt werden.
 
Nun wird gerade die Einführung von SwissDRG als Eingriff in die ärztliche Ent­scheidhoheit bei der Behandlung empfunden, was Befürchtungen schürt und die negative Grundhaltung der Ärzteschaft nährt. Nicht das Spital­management oder die Krankenkassen sollen über Behandlungen entscheiden, sondern der Arzt/die Ärztin und die Patientenschaft. Fundierte Kenntnisse über Abrech­nungssysteme ganz allgemein sind dabei die Ausnahme und auch der Wis­sensstand betreffend SwissDRG ist tief. Dieses Unwissen schürt im Zusam­menspiel mit möglichen negativen Begleiteffekten wie verfrühte Entlassungen oder Bü­rokratisierung die Skepsis der Schweizer Ärzteschaft und hilft, die mehrheitlich ablehnende Haltung der Einführung von SwissDRG gegenüber zu erklären. Die Skepsis sinkt zwar mit steigendem Wissen, ist aber selbst bei gut informierten Ärztinnen und Ärzten mehrheitlich vorhanden. Allfällige positive Effekte von SwissDRG werden kaum anerkannt, negative hingegen klar be­fürchtet, obwohl sie sich in der Praxis mit den heute benutzten Fall­pauschalen kaum bewahrhei­ten. Die Befürchtungen rund um Fallpauschalen sind somit grösser als die heu­te beobachtbaren negativen Effekte und bringen die hohe Berufs­identifikation unter Druck. Fremdbestimmung im medizinischen Alltag und die gefühlte fort­schreitende Bürokratisierung werden mit der Ein­führung von SwissDRG assozi­iert, und lassen die Ärzteschaft laut über ihr eigenes Berufs­verständnis und das Berufsethos nachdenken. SwissDRG unter­liegt dem Risiko in der Wahrneh­mung der Ärzteschaft zum schwarzen Peter der Ver­änderungen im Gesund­heitswesen stilisiert zu werden und damit zum Symbol für gefühlte Missstände im ärztlichen Alltag.
 
 
Dienstleistungsart
Situationsanalysen, Issue-Monitoring/Issue-Analysen/gesellschaftliche Issues, Telefonisches Interview CATI, Online-Befragung
Kunde
Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH)
Hauptautor
Team
Claude Longchamp, Lukas Golder, Martina Imfeld, Jonas Philippe Kocher, Stephan Tschöpe, Andreas Stettler, Silvia-Maria Ratelband-Pally, Daniela Schempp
Grundgesamtheit
Äzteschaft in der ganzen Schweiz
Erhebungsart
Online-Befragung
Befragungszeitraum
06.06.2011 - 15.08.2011
Stichprobengrösse
1193
Statistischer Stichprobenfehler
±2.9 Prozentpunkte (95%-Vertrauensintervall bei 50%/50%-Verteilung)
Zitierweise
Verwendung unter Quellenangabe gestattet, Zitierweise
"Auszug aus der Forschungsarbeit von gfs.bern"