Am 17.6.2007 beschlossen die Stimmberechtigten aus Littau und Luzern die Gemeindefusion. gfs.bern hat sich im Nachtrag zur Abstimmung mittels Nachbefragung mit den vier grossen “W” der Abstimmungsforschung befasst: “Wer”, stimmt “Wie”, tut dies “Warum” und will “Wie weiter” gehen. Der
Schlussbericht liefert bei Interesse die dazugehörenden Antworten.
Neben der Beantwortung der vier grossen “W” mag die Nachanalyse als Schulbeispiel für ein sozialwissenschaftliches Phänomen dienen, das auf einen ersten Blick immer wieder staunende Blicke auslöst. Sozialwissenschaftlich gibt es nämlich einen wesentlichen Unterschied zwischen Zustimmung und Handlungsrelevanz.
Beginnen wir von vorne: Betrachten wir nur die Pro-Argumente für eine Gemeindefusion, schienen die Fusionsbefürworter in ihrer Argumentation flächendeckend verstanden worden zu sein:
Die Gemeindefusion wurde grossmehrheitlich mit einer Erhöhung des politischen Gewichts in Kanton, einer erhöhten wirtschaftlichen regionalen Konkurrenzfähigkeit und einer Steuersenkung in Littau in Verbindung gebracht. Diese drei Argumente sammeln über 60% Zustimmung hinter sich. Auf der anderen Seite zeigt sich gerade das Argument “Alle profitieren” nicht mehrheitlich geteilt und hochgradig polarisierend.
Schon eine einfache mathematische Rechenoperation offenbart also eine Diskrepanz zwischen Zustimmung zu befürwortenden Argumentationslinien (über 60%) und der Zustimmung zur Vorlage (rund 55%). Oder in anderen Worten: Offenbar teilten auch Abstimmungsteilnehmer befürworterische Argumentationslinien, stimmten dann aber trotzdem gegen die Vorlage.
Den Grund dafür kennt der geneigte Leser aus dem Alltag zu Genüge. Man kann durchaus eine Ansicht teilen, ohne deswegen sein Verhalten anzupassen. Nehmen wir dazu ein plakatives Beispiel aus dem Umgang mit dem motorisierten Individualverkehr. Ohne über entsprechende Umfrageresultate zu verfügen, gehe ich davon aus, dass grosse Mehrheiten der Schweizer Bevölkerung das Auto als Verursacher von Umweltverschmutzung durchaus in die Pflicht nehmen. Nichts desto trotz zeigt mir ein kurzer Blick auf die Strasse vor meinem Büro, dass offenbar die wenigsten deswegen ganz auf ihr Auto verzichten. Die Befürwortung der umweltschädigenden Wirkung des Autos führt also offenbar nicht spürbar zu einem Autoverzicht.
Eine gleiche Diskrepanz zwischen Einstellung und Handlungsrelevanz gibt es offensichtlich auch in Bezug auf die Argumentationslinien und ihre Wirkung auf den Stimmentscheid:
Eine sogenannte Regressionsanalyse zeigt nämlich (hier für die Stimmberechtigten Luzern), dass gerade das meistumstrittene Pro-Argument “Alle profitieren” am meisten (deshalb grosser Schriftgrad) Einfluss auf einen befürwortenden Stimmentscheid (deshalb grüne Schrift) hatte, während die meistgeteilten Pro-Argumente deutlich weniger Einfluss entfachen konnte. Die Befürworter der Gemeindefusion verfügten also auf den ersten Blick über drei mehrheitlich geteilte Argumente, auf den zweiten Blick aber hauptsächlich über ein entscheidwirksames – und das wird nicht mehrheitlich geteilt! Die Folge davon war die bekannte, relativ knappe Zustimmung zur Gemeindefusion Luzern.